„Das Theater ist eine Urkraft, die nie verschwinden wird“ (SoSe 2013)

VolkVon Kathrin Kaummanz

Michael Volk, geboren 1968 in Heilbronn, arbeitet seit 2007 am Staatstheater Kassel, heute als Chefdramaturg. Im Interview spricht er über die Freude an seinem Beruf und den Zauber eines Phänomens, das die Jahrhunderte überlebte.

 Sie arbeiten als Dramaturg. Wie würden Sie Laien erklären, worum es sich dabei handelt?
Im Grunde gibt es diesen Beruf nur in deutschsprachigen Ländern, daher ist die Frage sehr berechtigt (lacht). Ich unterteile meine Aufgaben gerne in drei Felder. Zum Einen wäre da die Planung, die sich stark darauf konzentriert, welches Stück man spielen möchte und welche Besetzung, sowie welchen Regisseur man dafür verpflichtet. Das ist wohl der wichtigste Bereich, denn dort können auch die größten Fehler gemacht werden. Zum Beispiel, wenn man Hamlet aufführt, muss man sich fragen, welcher Schauspieler für diese Figur am besten geeignet ist.
Andererseits ist man Begleiter einer Produktion. Man gibt dem Regisseur während der Probezeit ein ständiges Feedback, bekleidet aber eindeutig eine Beraterfunktion, letztendlich entscheidet der Regisseur. Ich bin gewissermaßen der erste Zuschauer und das sind für mich die schönsten Momente, wenn ich miterlebe, wie eine Szene sich verändert und greifbarer wird.
Der dritte Bereich ist die Publikation. Man kümmert sich um Druckerzeugnisse und die Versendung der Inhalte nach außen – unter anderem um das Programmheft, das materiell Sichtbarste meiner Arbeit – worauf man dann oft reduziert wird.

Gab es einen Auslöser für Ihren Wunsch, sich der Welt des Theaters zu verschreiben?
(Schmunzelt) – um ehrlich zu sein, habe ich mich früher nie besonders dafür interessiert. Ich habe sogar begonnen Jura zu studieren und dabei ein Semester in Italien verbracht, um mir Zeit zu nehmen nachzudenken, in welche Richtung ich weiter gehen möchte. Dort habe ich Menschen kennengelernt, die Straßentheater machten und das hat mich begeistert.
Als ich zurück nach Hause kam, war dann alles ganz klar. Es hat mich total gefesselt, das Theater wie eine Art Modellbaukasten anzusehen – man kann damit Situationen durchspielen und Gedanken einen plastischen Raum geben, mit Menschen darin, die ihre ganze Intelligenz und Emotionalität zur Verfügung stellen.

Würden Sie Menschen, die eher eine sichere Zukunft suchen, von einem Beruf im Theater abraten?
Unbedingt! Ganz entschieden! Es wird ja auch immer schlimmer. In den 80er Jahren waren die goldenen Zeiten des Theaters. Es gab mehr Ressourcen und ein größeres Ensemble, das zur Verfügung stand –  für die gleiche Menge an Aufführungen pro Jahr. Bisher sinkt nicht die Qualität, aber es steigt die innere Belastung. Ein Schauspieler, der in einer Spielzeit sieben Rollen spielen soll, ist seelisch überbelastet – er erlebt ja außerhalb des Theaters nichts mehr.
Viele hochbegabte Künstler hören deshalb viel zu früh auf. Im Theater zu arbeiten ist definitiv nichts für solche, die nicht eine enorme Kraft und Durchhaltevermögen haben. Die jetzige Theaterwelt befindet sich an einer Grenze – wenn noch weiter gespart wird, bricht diese hochentwickelte Kultur zusammen.

Wie, glauben Sie, hat sich die Bedeutung des Theaters im Laufe der Jahre verändert?
Hmm, das ist schwierig. Einerseits hat es sich seit den alten Griechen kaum geändert, denn die Menschen wollten sich schon immer mit diesem „Als-Ob“ befassen und Schlüsse für ihr eigenes Leben ziehen, sich amüsieren und gruseln. So gesehen ist das Theater eine Urkraft, die nie verschwinden wird.
Andererseits herrschte in den 80er und 90er Jahren ein größerer „Kunst“-Anspruch, man hat viel elitärer gedacht. Regisseure brüsteten sich, wenn kaum Leute ihre Inszenierung besuchten. Das bedeutete dann, dass man etwas Besonderes geschaffen hatte, das nicht für die breite Masse gedacht war. Heute wollen wir beides: künstlerische Qualität und viele Besucher! Und: es wird heute sehr viel Wert auf „Authentizität“ gelegt. Ein schwieriger Begriff … Schön ist, dass heutige Theaterbesucher schon viel erlebt haben – hier in Kassel gibt es eine große Aufgeschlossenheit gegenüber Zeitgenössischem.

Welches Stück lag Ihnen schon immer besonders am Herzen?
Durch die Arbeit merke ich oft erst, wie toll ich ein Stück finde. Davor habe ich höchstens eine Ahnung, wie es sein könnte. Ein gutes Beispiel ist „Urfaust“, den wir zur Zeit aufführen. Ich hatte immer Vorbehalte gegen Goethe als Theaterautor, aber die wurden während der Produktion restlos zerstreut. Ist eben nicht zu unrecht Weltkultur (lacht) Autoren, die mich immer in ihren Bann ziehen, sind Shakespeare. Er ist einfach der kühnste Theaterdichter schlechthin. Tschechow kommt dann gleich hinterher. Ich mag aber auch Schiller.

Zum Schluss: „Die Bühne ist ein magischer Ort.“ – Ein Satz, der oft von Regisseuren und Schauspielern gebraucht wird. Inwiefern würden Sie dem zustimmen oder widersprechen?
Das Theater ist in allen Kulturen aus Ritualen entstanden. Es gibt also geschichtliche Gründe für eine gewisse Heiligkeit der Bühne. Aber weil sich Theater immer mit Dingen befasst, die größer sind als ein Mensch denken kann, mit Liebe und Tod, wird wohl auch heute etwas berührt, das mit Magie zu tun hat. Bis heute ist es zum Beispiel auf einer Bühne nicht erlaubt zu essen (außer in einer Rolle). Das ist für Schauspieler wie eine Entweihung.

Homepage des Staatstheaters

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