„Die jungen Menschen lernen den Umgang miteinander und gegenseitigen Respekt.“ – Interview mit Matthias Weiland vom Verein Kesselschmiede (SoSe 2017)

Foto: Felix Roth

Von Felix Roth

Um einen Einblick in die soziokulturellen Entwicklungen und Angebote in der Stadt Kassel zu erlangen, traf ich mich mit Matthias Weiland. Der Diplom-Sozialwissenschaftler lebt seit 2007 in Kassel und ist nach einem Erasmus-Aufenthalt in Spanien und abgeschlossenem Studium heute erster Vorsitzender des Kesselschmiede e.V. und zudem Geschäftsführer des 1. Skateboardverein Kassel e.V.

Wie setzt sich der Verein Kesselschmiede zusammen?
Der Dachverein besteht aus dem 1. Skateboardverein Kassel e.V., dem Kulturförderverein Cluster e.V., dem Café Libre e.V. und dem Unity Shop. Der Name leitet sich von den Kesseln der Dampflokomotiven ab, welche früher auf dem Gelände geschmiedet wurden.

Welche Mitarbeiter sind beschäftigt und wie viele Mitglieder hat der Verein? Meine halbe Stelle wird von der Well Being Stiftung finanziert und war bis Juli 2017 die einzige hauptamtliche Stelle im Verein. Zudem sind bei uns eine Teilzeitkraft im Café Libre, sowie ein Sozialarbeiter und ein Kassenwart im Skateboardverein beschäftigt. Der Skateboardverein hat derzeit etwa 120 Mitglieder, welche überwiegend älter als 18 Jahre sind. Unser Angebot wird jedoch jährlich von etwa 25000 jungen Menschen und Kindern genutzt. Davon kommen ca. 22000 allein für den Rollsport zu uns. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 15 Euro im Monat, während für einen Tag fünf Euro berechnet werden.

Wenn so viele Menschen zu Euch kommen, habt ihr ja sicher einige Besonderheiten zu bieten?
Unser Angebot besteht besonders aus der Skatehalle, dem Outdoor-Skatepark und den regelmäßigen Workshops, welche jeden Samstag stattfinden. Es ist die dritte Skatehalle. Ich habe jedoch schon als Vorsitzender an der zweiten Halle, damals auf einem anderen Gelände, mitgearbeitet. Die derzeitige Halle ist 1000 Quadratmeter groß und beheimatet zudem Deutschlands einzigen Indoor Betonpool. Sie wurde vom GoodTimes Magazin zu einer der zehn besten Hallen in Deutschland und Österreich gekürt. Das King Pin Magazin schrieb von einem der 15 sehenswertesten Eigenbau-Skateparks Europas. Zudem fand in unserem Park im Jahr 2014 die Deutsche Skateboardmeisterschaft statt. Unsere Workshops kosten 15 Euro pro Person und werden besonders gut von Schulen und zu Geburtstagen angenommen. Jeden Montag findet der Martha Tag statt. Dann treffen sich ausschließlich Mädchen und junge Frauen, um unsere Anlagen zu nutzen. Jeden ersten Sonntag im Monat finden außerdem ein Rolli- und ein Zwergentreff statt, bei denen sich körperlich eingeschränkte Menschen oder Kinder mit Bobbycars, Rollern oder Laufrädern betätigen können.

Also ist dir die soziale Komponente wichtig?
Wir spielen mit unserem offenen Konzept eine bedeutende pädagogische Rolle. Integration und Inklusion geschehen bei uns durch ein großes ehrenamtliches Engagement. Die jungen Menschen lernen den Umgang miteinander und gegenseitigen Respekt. Skateboarden bedeutet bei uns nicht, eine Leistung erbringen zu müssen. Es ist vielmehr eine individuelle Kunstform, ein Freiraum für junge Menschen und eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Wir sehen uns somit mehr im Jugendbereich, als im Sportbereich.

Wie finanziert ihr dieses große Angebot und wer steht Euch zur Seite?
Unsere Mitarbeiter arbeiteten bis Juli 2017 größtenteils ehrenamtlich. Seit Juli können wir jedoch auch weitere Stellen finanzieren. Das Geld, welches wir durch die Mitgliederbeiträge und Workshops einnehmen, stecken wir komplett in den Gebäudeerhalt, Renovierungsarbeiten und in laufende Projekte. Das Personal wird damit nicht finanziert. Wir finanzieren uns zudem durch die öffentliche Hand, jedoch ohne Sponsoren. Seit diesem Jahr bekommen wir von der Stadt Kassel jährlich 100.000 Euro zur Verfügung gestellt. Davon fließen allein 50.000 Euro in Miete und Nebenkosten, 30.000 Euro bekommt ein Sozialarbeiter, der seit Juli die Öffnungszeiten der Anlage betreut und 20.000 Euro davon geben wir für notwendige Anschaffungen und unsere Projekte aus. Der Materialwert wurde insgesamt auf 200.000 Euro berechnet und die Gesamte Anlage ist fachmännisch geschätzt ca. 1,5 bis 2 Millionen Euro wert. Der Aufbau der Anlage war nur durch ehrenamtlichen Aufbau möglich.

Was wünschst du dir für die Zukunft der Kesselschmiede?
Dass wir einen langfristigen Mietvertrag bekommen, um endlich eine wirkliche Vereins-Perspektive zu bekommen und um durch Fördergelder die Halle fit halten und sanieren zu können. Außerdem wäre es ein Traum, dass die Halle immer kostenlos öffnen kann. Dafür bedarf es jedoch mehr hauptamtlichem Personal wie in einem „normalen“ Jugendzentrum.
Außerdem soll der jugendkulturelle Aspekt der Anlage weiterwachsen und nicht mehr im Wesentlichen nur auf Rollsport liegen. Graffiti, Medien, Musik, Kunst und Rollsport, alles unter einem Dach.

 

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