„Durchfallen kann das Publikum nicht!“ – Thomas Hof: Vom Krankenpfleger zum „KJT Mobil“ (SoSe 2016)

thomas-hof-foto-1024x10241Von Sophia Müller

Nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger studierte Thomas Hof Schauspiel in Leipzig und arbeitete ab Anfang 2012 als freischaffender Theaterpädagoge und Schauspieler. Unter anderem tourte er mit dem Klassenzimmerstück „Erste Stunde“ an Schulen in Nord- und Mittelhessen. Seit der Spielzeit 2013/14 ist er als Theaterpädagoge am Staatstheater Kassel tätig und ist nicht vor Ort, in Stadt und Landkreis unterwegs.
In der Spielzeit 2015/16 leitet und spielt Thomas Hof mit seiner „Ersten Stunde“ und dem KJT-Mobil des Staatstheaters Kassel ein Klassenzimmerstück von Jörg Menke-Peitzmeyer mit anschließender theaterpädagogischer Nachbereitung.

Sie waren erst Krankenpfleger, dann Schauspieler. Warum zog es Sie zum Theater?
Die Liebe zum Theater und der Berufswunsch Schauspieler kam eigentlich noch während meiner Ausbildung zum Krankenpfleger: Ich spielte am Theaterhaus Jena im JugendClub und infizierte mich dort gewissermaßen mit dem Theatervirus. Das macht süchtig, ist unheilbar und gegen gute Ratschläge, was „Vernünftiges“ zu machen, multiresistent. Dann habe ich ich es nach Berufs- und Prüfungsabschluss einfach probiert – und so bin ich zum Schauspielstudium gekommen.

Jetzt arbeiten Sie als Theaterpädagoge. Wie würden Sie Laien erklären, worum es sich dabei handelt?
TheaterpädagogInnen sind als Art Educator Kunstvermittler. Wir öffnen die Türen, zeigen, wie Theater entsteht, wie es funktioniert, gehen in bildende Einrichtungen von der Kita bis ins in die Seniorenbildung, von der Förderschule bis zur Uni. Wir machen Stückvor- und nachbereitungen, erstellen Materialien, anhand derer man unsere täglichen Auseinandersetzungen im Theater mit Gesellschaft und Geschichte(n) nachvollziehen und begreifen kann. Theatersüchtigen bieten wir auch die Möglichkeit, unter unserer Anleitung selbst auf der Bühne zu stehen. Wir sind als Künstler angestellt und somit im Vergleich zu Pädagogen an Schulen frei von „richtig und falsch“-Lehrplänen und Notenvergaben.

„Erste Stunde – KJT Mobil“: Wie läuft die theaterpädagogische Nachbereitung ab?
Nachdem die SchülerInnen 45 Minuten lang „Erste Stunde“ erlebt haben, werden nach einer kurzen Pause die Mechanismen von Mobbing erläutert und speziell auf die Klasse die Erlebnisse während des Klassenzimmerstücks gespiegelt. Anhand von praktischen, gruppendynamischen Übungen versuche ich ihnen zu zeigen, welche Kraft Gruppen haben – positiv wie auch negativ. Im besten Fall entlasse ich sie nach dem Gespräch in eine eigenständigere und reflektiertere Handlungsweise in Bezug auf die Gruppendynamik innerhalb ihrer Klasse.

Sie arbeiten mit vielen unterschiedlichen Personengruppen zusammen. Von Schülern, über Studenten bis Senioren. Mit welcher Gruppe arbeiten Sie am liebsten zusammen und warum?
Es ist schwer, wirkliche „Lieblingsgruppen“ zu nennen. Jede Gruppe hat ihre reizvolle Seite der theaterpädagogischen Arbeit. Ich komme ja sehr schnell sehr nah an die Leute ran, somit schenken mir alle verschiedenen Teilnehmer auch immer etwas von sich.
Um aber trotzdem Favoriten zu nennen: „Erste Stunde – KJT Mobil“ vor einer Hauptschul- oder besonders aufrührerischen Klasse zu spielen, ist ein Highlight, einfach wegen der emotionalen Wucht, die mir da oft entgegen schlägt.

Gab es einen Moment während Ihrer Arbeit, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ja, viele einprägsame Momente. Zuletzt gestern, als ein Junge, den ich schon lange kenne und der so gut wie nicht vor großen Gruppen und mit Unbekannten spricht, sich plötzlich vor eine versammelte „Mannschaft“ stellte und etwas über sich erzählte – nur zwei, drei Sätze – diese aber in einer Präsenz, die mich umgehauen hat. Toll, dabei – und auch ein bisschen mit daran „Schuld“ – gewesen zu sein.

Es gibt sicherlich Menschen, die sich ungerne auf Ihre Arbeit einlassen. Wie gehen Sie damit um?
Ich kann und will niemanden dazu zwingen – auf Zwang spielt kein Mensch. Man muss sich ungezwungen und frei fühlen. Ich versuche, herauszufinden, wo die Sperre liegt und diese zumindest kurz beiseite zu schieben oder vielleicht zu durchbrechen. Es ist oft auch Angst, etwas falsch zu machen, also reine Kopfsache. Insofern: Wenn ich es schaffe, den Kopf des Verweigerers „auszuschalten“, bin ich schon ein gutes Stück weiter. Aber jemanden, der absolut nicht will, den zwinge ich nicht. Wozu? Der macht nur noch mehr dicht. Fußball ist zum Beispiel ein Grauen für mich, zu dem ich auch nicht überredet werden möchte. Aber ein hochkarätiger Stadionbesuch war schon mal ein toller Anreiz… Sie verstehen?!

Sie stehen in stetigen Wechselbeziehungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Hat Sie die Tätigkeit des Theaterpädagogen verändert?
Ja, das würde ich schon sagen. Ich kann nicht genau nennen, wie und was. Aber der tägliche Umgang mit so vielen verschiedenen Menschen prägt. Ich fand zudem heraus, dass Phasen des Alleinseins oder nicht so viele Menschen um sich zu haben, auch wichtig sind, um kreativen Input erzeugen zu können.

Theaterstücke stehen in Wechselbeziehung zu ihrem Publikum. Oscar Wild sagte einmal: „Das Stück war ein großer Erfolg. Nur das Publikum ist durchgefallen.“ Ist da was dran?
Ohne Publikum kein Theaterspiel, das stimmt. Die Geschichte, die ich auf der Bühne erzähle, kann fad, zu komplex, zu undurchsichtig sein, die Präsentationsform nicht zünden. Sich im Spiel verlieren und dabei die Welt und vielleicht auch das Publikum zu vergessen, kann schon passieren. Das lässt einen der Zuschauer dann aber auch spüren. Aber durchfallen kann ein Publikum für mich nicht. Scheitern, besser Scheitern. Wir spielen und probieren. Das steht im Gegensatz zu: „Ich weiß wie es geht und nur das ist richtig!“

Gab es ein Stück oder Projekt, welches Ihnen besonders am Herzen liegt? Und wie sehen Ihre nächsten Projekte aus?
Die „Erste Stunde – KJT Mobil“ ist schon eines meiner Herzensprojekte neben der Arbeit mit Geflüchteten und einem sprachfördernden Erzähltheaterprojekt für Kinder ab zwei bis drei Jahren, welches an Kasseler Kindergärten ankommen soll. Im Herbst steht eine geplante Herbstakademie an – und eine frühzeitige Einbindung von Lehramtsstudenten in unsere Arbeit ist ein Traum von mir.

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