„Für mich ist es am schönsten, wenn die Schüler mit einem guten Gefühl nach Hause gehen“ – Angela Schlehuber über ihre Arbeit als Gesangslehrerin (WS 2013/14)

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Angela Schlehuber. Foto: Johanna Friedrich

Von Johanna Friedrich

Ich treffe Angela Schlehuber (Jahrgang 1952), Gründerin des Studios für Stimmbildung und Leiterin des gemischten Chores movicanto e. V., im Kulturbunker Kassel bei einer gemütlichen Tasse Grünem Tee. Als ich ihr von meinem früheren Mitwirken im Schulchor sowie in der Schulband berichte, bietet sie mir nach unserem Gespräch sogar an, gemeinsam ein paar Gesangsübungen zu machen.

Ist wirklich jeder in der Lage, singen zu lernen oder gibt es Ausnahmen?
Nach meiner Erfahrung kann jeder singen lernen. Die meisten sind nur durch irgendwelche Geschehnisse verunsichert. Mit einfachen Techniken, viel Motivation, Geduld und Fleiß können selbst diejenigen, die von sich glauben, nicht singen zu können, tatsächlich singen erlernen. Manche sogar sehr gut! Bei Verletzungen der Stimmbänder durch Unfälle oder Knötchen u. s. w. ist das schon nicht mehr so einfach. Starke Raucher/innen haben oft Probleme, die höheren Töne singen zu können, dafür können sie oft aber die tiefen und dreckigen Töne besser singen (lacht).

Hatten Sie auch schon mal weniger Erfolg mit einem Ihrer Schüler?
Das kommt darauf an, wo man sein Leistungslevel ansetzt. Es geht nicht so sehr darum, eine Riesenleistung zu vollbringen, sondern seine Stimme mit Freude auszuprobieren. Die Leute wollen nicht unbedingt auf die Bühne oder berühmt werden, sondern erst einmal lernen, sich zu trauen. Für die meisten ist das Singen ein Hobby. Wir machen kleine Schritte und bauen aus, was geht, aber natürlich kann nicht jeder gleich gut singen. Wie man eben so schön sagt, es sind immer 10% Talent und 90% Fleiß (lacht). Meine Arbeit ist eine Dienstleistung, deswegen ist es wichtig, dass der Spaß im Vordergrund bleibt. Am schönsten ist es deshalb für mich, wenn die Schüler mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Das ist eine ganz lange Geschichte (lacht). Ich habe als kleines Kind schon gesungen und mein Vater war Sänger. Ich habe eine Musik- und Kunstpädagogische Ausbildung gemacht und nebenher Blockflöte und Klavier unterrichtet. Dann habe ich mich mit der Kleinen Musikschule selbstständig gemacht. Weiterhin habe ich eine Zusatzausbildung als Musiktherapeutin absolviert und in der Psychosomatik sowie Krebsreha gearbeitet, bis ich dann vor  zwölf Jahren Lust darauf bekommen habe, Einzel-Gesangsunterricht zu geben. Nebenbei habe ich immer selber Gesangsunterricht genommen und diesbezüglich Fortbildungen gemacht und gegeben. Zu guter Letzt habe ich eine Chorleiterausbildung gemacht und leite heute noch den gemischten Chor movicanto e. V.

Wie beginnen Sie den Unterricht mit einem Anfänger?
Am Anfang wird immer ein Stimmtest mit Interview durchgeführt, um herauszufinden, welche gesanglichen Fähigkeiten der Neuling schon mit sich bringt und welches Ziel er durch den Unterricht erreichen möchte. Danach werden Körperlockerungsübungen zum Wohlfühlen gemacht sowie verschiedene Atemübungen. Die Schüler/innen lernen erst einmal sich zu trauen, vorgegebene Töne und Rufe nachzusingen. Die ersten Stunden sind deshalb immer etwas techniklastig und geben Einblicke in die Funktion der Atmung, der Stimmlippen, die Anatomie und vieles mehr. Die gelernten Techniken werden direkt an einem Lied angewandt und geübt.

Dürfen Ihre Schüler selbst entscheiden, welche Lieder sie im Unterricht einstudieren?
Ja, die Schüler bringen eigene Stücke als Textblatt mit oder wir hören sie uns einfach auf Youtube an. Sollte ein Schüler oder eine Schülerin sich zu schwierige Songs aussuchen, schlage ich erst mal einfachere Stücke vor.

Könnten Sie nur anhand meiner Sprechstimme beurteilen, ob ich das Zeug zum Singen hätte?
Das ist eine gute Frage (lacht). Ich kann zwar erkennen, dass es eine relativ klare Stimme mit hellem Stimmklang sein könnte, jedoch zeigt sich in der Sprechstimme nicht, ob jemand Töne treffen kann.

Was halten Sie von Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ und „The Voice of Germany“?
Ich schaue diese Sendungen aus beruflichen Gründen, um immer „up to date“ zu sein (lacht). The Voice gefällt mir besser als DSDS. Ich mag den Aufbau der Show, das hohe Niveau und die Juroren. Von The Voice – Kids war ich sehr beeindruckt, da kann sogar ich einpacken (lacht). DSDS ist schwierig für mich, da manches an meine ethischen Grenzen geht. Dieter Bohlen ist zwar ein alter Fuchs im Showgeschäft und hat häufig Recht, aber er könnte trotzdem netter sein. Seine Sprüche werden dann in den Medien breitgetreten und das lässt die Sendung trashig wirken, obwohl teilweise gute Sänger/innen dabei sind.

Haben Sie Tipps für Kandidaten, die kurz vor einem Auftritt stehen?
Es wird zum Beispiel empfohlen, direkt vor einem Auftritt nichts Süßes und keine Milch- oder Getreideprodukte zu essen, denn dadurch wird zu viel Schleim produziert, der auf den Stimmbändern liegen bleibt. Für eine klare Stimme soll Tee gut sein, wie etwa Zitronenmelisse, Süßholz oder Fenchel. Bei Erkältungen ist das schon schwieriger. Allerdings sollte jeder für sich selbst herausfinden, was für ihn vor einem Auftritt am zuträglichsten ist.

www.schlehuber-stimmbildung.de

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