Keinen Schrank unter der Treppe, sondern die Akustikkabine hinter der Küche – Gespräch mit Julia Dernbach (WS 2012/13))

Julia Dernbach, Foto: Sarah Menzel

Ein verregneter Dienstagabend. Ich warte im Eberts, einem vollgestopften Café im Vorderen Westen von Kassel, auf das künstlerische Multitalent Julia Dernbach. Gut gelaunt begrüßen wir uns, sind gleich per „Du“ und sprechen über sie als Schauspielerin, Sprecherin, Schriftstellerin, Mensch. Und über die Notwendigkeit von Lampenfieber, den Jakobsweg und die Bretter, die die Welt bedeuten.

Von Sarah Menzel

Warum hast du gerade Schauspiel, Gesang und Tanz studiert? Was war gegen Mathematik einzuwenden?
Julia Dernbach: Mathe stand nie zur Debatte (lacht). Ich wollte mal Grafikdesign oder visuelle Kommunikation studieren.

Also warst du schon immer künstlerisch begabt?
Ich schrieb und malte schon immer gerne und stand schon früh auf der Bühne. Bei uns im Dorf gab es zwei Gesangsvereine. Mein Vater war in beiden, weshalb die Kinder dann auch ran mussten. Ich habe getanzt, Trompete gespielt und gesungen.
Irgendwann habe ich mich in Opern verliebt und mitgeträllert, bis mein Vater meinte „Das hört sich super an. Wieso machst du das nicht beruflich?“. Ich hab‘ nicht erwartet, bei dieser Berufswahl unterstützt zu werden, da mein Opa Grafikdesigner war und immer angenommen wurde, dass ich in dieselbe Richtung gehen würde, mich gefreut und mir sofort von verschiedenen Schauspielschulen Infomaterial zukommen lassen und mir schließlich das  Interessanteste rausgesucht.

Bei welcher Aufnahmeprüfung warst du zuerst?
Bei der in Berlin. Ich hab mir praktisch einen Tourplan für die verschiedenen Städte erstellt, weil ich dachte, dass es beim ersten Mal sowieso nicht klappt. Ein paar Wochen später hab ich dann die Aufnahmeprüfung in Berlin bestanden.

Worin bestand die Aufgabe?
Es ging darum, eine Rolle zu entwickeln, ein Gedicht einzustudieren, ein Gesangsstück vorzubereiten und getanzt wurde auch noch.

Du hast im Vorfeld erwähnt, dass das professionelle Sprechen momentan deine Haupttätigkeit ist. Wieso?
Das kam mit meinen Kindern. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, jeden Abend auf der Bühne zu stehen. Ich bin durch Zufall ans Sprechen gekommen. Durch die Bekanntschaft mit einem mittlerweile befreunden Sprecher aus Bonn konnte ich ein paar professionelle Aufnahmen im Studio machen. Dann kamen immer mehr Anfragen. Irgendwann hat es sich für mich finanziell nicht mehr gelohnt, immer nach Bonn ins Studio zu fahren. Da meinte der Freund „Spring ins kalte Wasser, bau dir ein eigenes Studio!“. Vor drei oder vier Jahren ging’s dann los. Ähnlich wie bei Harry Potter – nur habe ich nicht den Schrank unter der Treppe, sondern meine Akustikkabine hinter der Küche.

Was war dein erster lukrativer Auftrag als Sprecherin?
(Lacht) Das ist peinlich. Da ging es um einen Imagefilm für eine Hühnermast. Ich habe über die „positiven“ Aspekte des Geflügelhandels geredet. Würde ich heute nicht mehr machen.

Du schreibst auch. Was hat dich zu deinem Buch „ Die Komplimentemacherin“ inspiriert? In der Geschichte kann man sich Komplimente kaufen.
Schauspielerkrise. Ich habe in Berlin studiert und gelebt und dort gibt’s ein Überangebot an Schauspielern. Viele denken ja „ich geh nach Berlin, da hab ich  bestimmt mehr Chancen“. Doch da gibt’s über 10.000 arbeitslose Schauspieler. Hatte ich direkt nach dem Studium noch ganz gut zu tun, war das nach einem Engagement in Bayern eher nicht mehr so. Ich hatte danach keine Lust mehr auf Großstadt, war aus der Berlinszene ziemlich raus und habe mich dann mit allen möglichen Jobs über Wasser gehalten, um mir meinen Beruf zu finanzieren. Viele Theatermacher und Regisseure meinen, es reicht wenn der künstlerische Anspruch befriedigt ist, bezahlt werden muss man nicht. Da hab ich mir gesagt: „Nö, da mach ich nicht mehr mit“. Ein bisschen verarbeitet hatte ich meinen Frust dann in meinem Buch. Es hat sich daraus irgendwie eine Geschichte entwickelt und ich habe ziemlich schnell geschrieben, ein paar Wochen nur. Dann hab ich es liegenlassen, hab meinen Krempel gepackt und bin den Jakobsweg gegangen. Ich wollte dann auswandern und in Spanien bleiben.

…Aber?
Dachte mir, wenn, dann mache ich das ohne Schulden. Bin nach Kassel gekommen, hab drei oder vier Jobs angenommen, meine Konten wieder gefüllt und war schon kurz davor, loszudüsen, als mir mein damaliger Freund über den Weg gelaufen ist, und dann kam auch bald schon mein ersten Kind. Ja, dann ging diese Beziehung auseinander und alleine mit dem Kleinen nach Spanien, das wollte ich nicht,  ganz ohne Familienanbindung.

Möchtest du denn inzwischen immer noch auswandern?
Jetzt sind wir zu fünft und entscheiden zusammen, ob wir wegwollen. Aber ich kann es mir immer noch vorstellen.

Hast du dich denn bei der Begehung des Jakobswegs selbst kennengelernt?
Sicher, aber auch schon in der Schauspielschule. Wenn ich überlege, wie ich mit  Anfang 20 nach Berlin kam, mit dem Gefühl schon sooo viel zu wissen… Das war totaler Käse. Und zu schlucken, dass einem jemand sagt, dass man gar nicht so ist, wie man dachte… Man rutscht runter und denkt „Was wollen die eigentlich von mir?“
Aber dann hab ich durch die Arbeit eben meinen Weg gefunden und gemerkt, dass ich nicht spiele, um irgendwo anerkannt zu werden, sondern weil ich es will und auf eine Art auch brauche. Das ist für mich der größtmögliche Begriff von Freiheit – auf der Bühne zu stehen, mit all meinen Unzulänglichkeiten, quasi nackt, mich einer Sache uneitel zur Verfügung zu stellen, einfach zu sein.

 Hast du noch Lampenfieber nach all der Zeit?
Oh ja, gerne! Anfangs fühlte es sich doof an, aber inzwischen finde ich es doof, wenn es nicht kommt. Auch schon passiert. Allerdings habe ich den notwendigen Adrenalinschub dann dadurch bekommen, dass es gefehlt hat.

Schnell entscheiden:  Singen oder Sprechen?
Singen.

Theater oder Kino?
Theater.

In 10 Jahren…
…stehe ich wieder auf der Bühne. Spätestens.

Zeit ist…
relativ.

Zu guter Letzt: Was hast du vom Leben gelernt?
Loslassen. Im Jetzt leben. Sein.

Homepage von Julia Dernbach


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