„Mir macht das Singen am meisten Spaß, wenn es mit Aktion verbunden ist“ – Ein Interview mit dem Opernsänger Dieter Hönig (SoSe 2016)

Dieter Hönig

Dieter Hönig. Foto: Andreas Baum

Von Andreas Baum

Dieter Hönig (Jg. 1940) ist seit 1971 Ensemble-Mitglied des Kasseler Staatstheaters. Ich treffe mich mit dem sportlichen Sänger in der Cafeteria, um ihn über seinen Werdegang und seine Arbeit als Sänger, welche ihn schon zu Gastspielen an Opernhäuser in ganz Europa führte, zu befragen.

Herr Hönig, Sie waren ja nicht immer als Sänger tätig, sondern haben vorher Betriebswirtschaft studiert. Wann wurde Ihnen klar, dass das, was sie machten, nicht richtig war und sie etwas ändern wollten?
Eigentlich schon recht früh, denn ich hatte vorher schon eine Lehre zum Industriekaufmann gemacht und habe schon dort gemerkt, dass mir der Stoff nicht wirklich liegt. Aber ich habe gedacht, im Studium wird das Ganze interessanter. Das hat sich für mich leider nicht erwiesen.

Was hat Ihre Familie dazu gesagt, als Sie Ihr Studium abbrachen, um Gesang zu studieren?
Familie gab es bei mir nur eingeschränkt. Da ich seit meinem 13. Lebensjahr Vollweise bin, wurde ich in der Familie meiner älteren Schwester großgezogen. Ich habe dann mit 25 mein BWL-Studium abgebrochen und habe dann zunächst einen Job als kaufmännischer Angestellter angenommen. Währenddessen habe ich schon privaten Gesangsunterricht genommen.

Hatten Sie während Ihres Studiums einen bestimmten Sänger als Vorbild?
Einen bestimmten gab es nicht, aber man könnte zum Beispiel Franz Crass und auf dem Liedgebiet Dietrich Fischer-Dieskau nennen.

Was sind Ihrer Meinung nach die besonderen Qualitäten Kassels?
Ich muss zugeben, mit Kassel musste ich mich erst anfreunden. Aber mit den Menschen bin ich dann doch schnell klargekommen. Mich fasziniert besonders, dass man hier in Kassel die Stadt in jede Himmelsrichtung verlassen kann und man sofort im Grünen ist.

Sie sind seit 1971 Ensemblemitglied des Staatstheaters. Was war Ihre Intention, gerade hier vorzusingen?
Das war keine Intention, sondern ein Riesenglück, denn damals wie heute war und ist das Angebot an offenen Stellen für ein Festangagement nicht groß. Und als Anfänger direkt an einem Staatstheater angenommen zu werden ist ein absoluter Glücksfall.

Was hat Sie solange hier in Kassel gehalten? Andere Sänger bleiben meist zwei bis drei Jahre an einem Theater und ziehen dann weiter.
Ich wurde von Anfang an hier in Kassel durch Rollenangebotegefördert, durch die ich mich als Sänger sehr gut weiterentwickeln konnte. Ich habe mich zwar nach anderen Stellen umgeschaut, aber die Vakanzen, die es gab, waren entweder an kleineren Theatern oder die Rollen, die man mir anbot, waren nicht so interessant, wie die Rollen, die ich hier in Aussicht hatte.

Haben Sie jemals daran gedacht, Kassel zu verlassen?
Daran gedacht, Kassel zu verlassen, habe ich nur einmal, im Jahr 1980 als Giancarlo del Monaco Intendant des Staatstheaters wurde und das ganze Ensemble ausgetauscht werden sollte. Ich hatte zwar schon eine Stelle in Kiel in Aussicht, aber dann stellte sich doch heraus, dass ich hier gebraucht wurde und es war interessanter, hierzubleiben.

Seit Sie beim Staatstheater sind, haben Sie mit vielen Menschen zusammengearbeitet. Gibt es bestimmte Personen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir der ehemalige Generalmusikdirektor Gerd Albrecht, der mich eingestellt hat und der international tätige Dirigent Ádám Fischer, der hier am Haus auch als Generalmusikdirektor tätig war.

Was macht Ihnen am Singen am meisten Spaß?
Mir macht das Singen am meisten Spaß, wenn es mit Aktion verbunden ist. Es hat mich immer interessiert, mir eine Figur vorzustellen und dieser dann durch meine Aktionen auf der Bühne Leben einzuhauchen. Deswegen macht mir die Oper auch mehr Spaß, als das Oratorium oder der Liedgesang.

Haben Sie heute noch manchmal Lampenfieber?
Ja, Lampenfieber habe ich auch heute noch, aber mit der Zeit lernt man, dieses in eine positive Spannung umzuwandeln. Am Anfang meiner Karriere kam es manchmal vor, dass ich durch das Lampenfieber nicht meine volle Leistung abrufen konnte.

Ihre Schwerpunkte liegen bei Mozart, Rossini, Wagner und Strauss. Was mögen Sie am meisten an den Werken dieser Komponisten?
Mit diesen Komponisten bin ich bedingt durch mein Stimmfach, dem Spielbass, am meisten in Berührung gekommen, da diese Komponisten nun mal viele Rollen für mein Stimmfach geschrieben haben. Also ist es eher das Rollenangebot, das den Schwerpunkt bestimmt, als die Faszination für einen Komponisten.

Gibt es eine Rolle die Sie bis jetzt noch nicht gespielt haben, aber noch vor dem Ende Ihrer Bühnenlaufbahn unbedingt noch spielen möchten?
Nein, das kann ich nicht sagen, denn ich habe in meinem Stimmfach und darüber hinaus alles gemacht was ich machen wollte. Und außerdem bin ich schon seit fast zehn Jahren Rentner. Ich mache zwar noch fast die gesamte Spielzeit mit, habe aber meine Zielsetzungen dementsprechend angepasst. Ich versuche lieber die Rollen, die mir jetzt angeboten werden, anders zu beleuchten, um so neue Facetten an ihnen zu finden, die ich früher vielleicht übersehen hätte.

Gab es schon mal den Fall, dass Sie die Mitwirkung an einem Stück abgelehnt haben, weil Ihnen die Inszenierung nicht gefiel?
Ich habe nur einmal darum gebeten, an einer Inszenierung nicht mehr teilnehmen zu müssen. Dies lag aber nicht daran, dass mir die Inszenierung nicht gefallen hat, sondern an der Vorstellung des Regisseurs, wie die entsprechende Rolle zu besetzten sei.

Gibt es eine Rolle, die Sie in Ihrer Karriere gespielt haben, mit der Sie etwas Besonderes verbinden?
Etwas Besonderes verbinde ich sicherlich mit der Rolle des Masetto aus Don Giovanni, weil es meine erste Rolle in Kassel und am Theater überhaupt war. Den größten Spaß hat mir dann allerdings der Leporello gemacht, den ich in Kassel in drei verschiedenen Inszenierungen singen durfte.

In Ihrem Künstlerportrait steht „der Job muss Spaß machen“. Unter welchen Umständen würde Ihnen der Job keinen Spaß mehr machen?
Wenn man alle Stücke jetzt nur noch gegen den Strich bürsten würde. Oper ist zum Großteil Museum, d. h. wir spielen Stücke, die in den letzten Jahrhunderten geschrieben wurden und schon oft inszeniert wurden. Da ist es nicht leicht, ein Stück in noch nie dagewesener Form zu inszenieren und so etwas geht nicht immer gut.

Was würden Sie angehenden Opernsängern mit auf den Weg geben?
Man muss immer neugierig sein auf das Neue. Man darf nie denken, man hätte alles im Sack und man wüsste alles. Und wenn man älter ist, darf man nie sagen, früher war alles besser, denn das geht den jungen Kollegen auf die Nerven (grinst).

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