„Optimismus ist Pflicht!“ Interview mit Ulrike Birgmeier und Volker Hänel vom Studenten Theater der Universität Kassel – STUK (SoSe 2014)

STUK 2-400

Foto: Sabine Willmering

Von Sabine Willmering

Das STUK wurde 1991 von Horst Müller gegründet. 2001 übernahmen Ulrike Birgmeier (Jg. 1952) und Volker Hänel (Jg. 1943) die Leitung.

Ein Interview über die aktuelle Produktion „Candide – Es lebe der Optimismus“, das Theatermachen und politisches Engagement.

Sie beide leiten das STUK. Wie lange machen Sie das schon und machen Sie das hauptberuflich?
Volker Hänel (H.): Wir machen’s auf keinen Fall hauptberuflich, sondern ehrenamtlich.
Ulrike Birgmeier (B.): Begonnen haben wir 2001.

Wie werden die Stücke ausgesucht?
B.: Wir geben das vor (lacht). Als wir angefangen haben, waren wir auch erstmal beseelt von dem Gedanken, dass wir das ja auch mit den Studenten gemeinsam bestimmen könnten, aber dann stellten wir ziemlich schnell fest, dass die ersten Studenten, die zu den ersten Sitzungen kamen, plötzlich nicht mehr da waren.
H.: Nach unserer Erfahrung wollen die Studierenden primär spielen. Das klingt jetzt vielleicht sehr überheblich oder eingebildet: Aber das Wissen, welches an klassischer Literatur und an Gegenwartsliteratur vorliegt, ist sehr gering.
B.: Das setzt auch Kenntnisse über Theatertheorie voraus (lacht): Theaterkenntnisse, Dramenkenntnisse oder Gegenwartsliteratur. Und das ist oft in dieser Bandbreite nicht vorhanden.

Sie machen jedes Wintersemester ein Casting. Wie groß sind Ensemble und Fluktuation? Bleiben da auch mal mehrere Leute mehrere Semester dabei?
H.: Wir hatten bis vor zwei Jahren eine Gruppe von vier bis fünf Leuten, die haben u. a. auch sechs Produktionen mit uns gemacht. Dementsprechend steigt dann auch die Qualität. An und für sich müssen wir davon ausgehen, dass sich die Gruppe zu jedem Wintersemester neu konstituiert. Das sind dann meist gemischte Gruppen. Aber wir machen ein Gesprächscasting.

Warum wurde Voltaires „Candide“ ausgewählt?
B.: (Lacht laut) Tja, das ist eine gute Frage. Der „Candide“ verweist gut in die heutige Zeit. Und das ist ja hoffentlich auch rübergekommen.
H.: Das Thema des Candide hat uns gleich fasziniert: Optimismus-Pessimismus.

Wie entstand die „Candide“-Produktion?
H.: Normalerweise schreibe ich die Szenen. Man liest den Text und hat dann Assoziationen zu heute. Wir haben zu zweit erstmal Brainstorming über heutige Probleme gemacht, dann auch mal mit den Studenten, damit wir nicht zu eng unsere Sicht auf heute schieben. Und daraus hab‘ ich Schritt für Schritt Szenen entwickelt. Die Spieler bekommen die Szenen und die machen dann Veränderungen.
B.: Als wir uns entschieden hatten, war auch schon klar, dass wir, so wie Voltaire den Candide geschrieben hat, ihn nicht inszenieren würden. Also mussten wir einen Teil herausnehmen und einen anderen in die heutige Zeit transferieren.
H.: Während des Prozesses entsteht das Bühnenbild. Parallel notiert man sich die Textpassagen, die originalsprachlich einfach irre sind.
B.: Und dann sind wir aufmerksame Zeitungsleser: Wellness war ein Aspekt: In der Wochenendbeilage ist ein Text über diesen Ernährungs- und Gesundheitswahnsinn. Das lese ich dann Volker vor und der setzt sich hin und macht einen Text draus.

Wie oft wird geprobt?
H.: Donnerstags, 19 bis 22 Uhr, über zwei Semester, und dann sind mindestens zwei Wochenenden drin. Bei dieser Produktion haben wir den Studenten gesagt, dass sie sich die zehn Abende vor der Premiere freihalten müssen, weil man nicht weiß, was da nachgeschoben werden muss. Und neben den Ensembleproben kommen sehr viele Einzelproben nebenbei hinzu.

Was ist das Problem am blinden Optimismus und in wieweit sind wir blind?
H.: Wir sind alle blind! Wer sieht die Welt mit adäquaten Augen? Wir haben alle unsere Bilder im Kopf. Was uns ärgert an diesem blinden Optimismus ist, dass er auch mit kommerziellen Profitinteressen bei uns wuchert.
B.: Blinder Optimismus verhindert eine kritische Auseinandersetzung und eine kritische Auseinandersetzung ist ja auch immer die Voraussetzung, um etwas zu verändern, zu verbessern, neu zu überdenken. Und ich glaube auch, dass dieser blinde Optimismus eine Machtstabilisierung ist.
H.: Der Satz: „Optimismus ist Pflicht“ ‑ wenn man sich den einmal auf der Zunge zergehen lässt, kann man ja eigentlich nur eine Gänsehaut kriegen. Und da muss man ganz wach sein! Und vor allem: Ein adäquater situationsangemessener Optimismus ist ungeheurer wichtig, weil nicht jeder das aushält, ständig in melancholischer Selbstreflexion miteinander umzugehen. Aber durch diese erzwungene Optimismushaltung, soviel an Leid in sich zu unterdrücken und Leid bei anderen auszuhalten, das ist das Problem.

„Kritischer Wegweiser“, das deutet auch auf Hilflosigkeit hin. In welcher Beziehung sind wir heute hilflos und warum?
H.: Ich hab‘ vorhin schon angedeutet, die Welt ist voller Probleme, global, lokal. Man hat gerade ein Problem bewältigt und dadurch ein neues produziert. Wir leben heute in einer Welt voller Widersprüche. Wir sind 68er, unsere Feinde waren ganz eindeutig unsere Eltern.
B.: Im Zuge des Internets ist ein Feind nicht mehr so deutlich erkennbar.
H.: Und das ist so was wie Hilflosigkeit.

Haben Sie Lösungsvorschläge?
H.: Das ist jetzt auch eine Floskel, aber sie stimmt halt einfach: Gutes Theater und auch gute Literatur muss Fragen stellen, gibt keine Antworten. Laut Publikum ist es uns mit dem „Candide“ gelungen. Das hat mich gefreut. Wir können nur Klischees durcheinanderwirbeln, die wir ja auch im Kopf haben.

Im Stück wird u.a. gefragt, woran es liegt dass wir uns nicht mehr aufregen. Sind wir mittlerweile gewohnheitsmäßig zu bequem, zu egozentrisch?
H.: Mit Ihrer Frage geben Sie an sich schon die Antwort (allgemeines lautes Lachen). Man wundert sich, dass wir alle so ruhig sind.
B.: Die Studenten sind heute zwar brav aber auch unpolitischer. Meine dreißigjährige, in der Wirtschaft arbeitende, promovierte Nichte, sagt: „Ich bin ja nicht betroffen.“ Da frage ich: „Bist du sicher? Wer ist denn in deiner Firma älter als 40? Du gehst jetzt langsam auf die 40 zu! Was kommt denn auf dich zu?!“ Die wiegt sich, für meine Begriffe, in einer solchen Scheinsicherheit!
H.: Also es sind ja welche gegen Bologna aufgestanden, aber mittlerweile…
B.: Ich kann da so viele Beispiele aufzählen, wo ich denke: „Da könnten sich junge Leute mehr aufregen!“.

Regen wir uns Ihrer Meinung nach zu wenig auf?
H.: Sich aufzuregen, gehört nach meinem Verständnis zum Menschsein dazu. Das ist natürlich sau anstrengend.

http://www.uni-kassel.de/uni/acartdemy/theater/stuk.html

 

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