Von besonderen Nüssen und gewöhnlichen Mördern. Gespräch mit Sabrina Ceesay

Sabrina Ceesay (rechts) und Hanna-Luna Braunewell. Foto: Braunewell

Sabrina Ceesay (rechts) und Hanna-Luna Braunewell. Foto: Braunewell

Von Hanna-Luna Braunewell

Sabrina Ceesay (Jahrgang ’88) wuchs mit deutsch-afrikanischen Wurzeln in Münster auf und absolvierte in Berlin ihre Ausbildung zur Schauspielerin. Am Staatstheater Kassel war sie erstmals 2012 als Tituba in „Hexenjagd“ zu sehen, woraufhin sie ihre erste Titelrolle in dem Einpersonenstück „Anne Frank“ übernahm. Seit August 2013 ist sie nun festes Ensemblemitglied am Staatstheater und hat mit ihrem Spiel bereits so überzeugt, dass ihr der Kasseler VolksBühne–Preis 2014 zugesprochen wurde. Bevor ich Sabrina in einem Café treffe, erlebe ich sie auf der Bühne als Heldin der Weihnachtsvorstellung „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nach dem gleichnamigen tschechischen Märchenfilm.

Sabrina, die Inszenierung von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist auf ein sehr junges Publikum ausgerichtet. Gibt es beim Kindertheater besonders schwierige Herausforderungen?
Nein, eigentlich nicht. Im Gegenteil, Kinder sind sogar viel mehr als Erwachsene offen dafür, Dinge zu entdecken und anzunehmen. Und sie sind auch ehrlicher und ungefilterter in ihren Reaktionen, lachen ganz laut, oder schreien dazwischen. Dadurch kommt vom Publikum eine ganz andere Energie. Aber im Grunde ist beim Spielen alles möglich, bei Kindern wie Erwachsenen. Ich glaube, das Wichtigste ist dabei einfach die Ehrlichkeit.

Zwanzig Vorstellungen in einem Monat, davon an einem Tag jeweils zwei direkt hintereinander – wie schaffst du es da, keine Routine aufkommen zu lassen?
Ich gehe auf die Bühne mit einem leeren Kopf und versuche nichts zu wissen. Natürlich weiß ich meinen Text, aber die Momente auf der Bühne lasse ich jedes Mal wieder neu entstehen. Also unwissend und naiv an die Sache herangehen, immer wieder, und sich überraschen lassen. Es kann natürlich sein, dass man mal Text vergisst, aber das kann auch eine gute Möglichkeit sein, um etwas Neues entstehen zu lassen. In solchen Momenten, wo man wirklich einen Blackout hat, können richtig coole Sachen entstehen.

Gerade das macht das Spielen ja wahrscheinlich interessant, oder?
Absolut. Deswegen gleicht auch keine Vorstellung der nächsten. Nie. Es gibt immer unvorhergesehene Dinge, die passieren. Jemand stolpert und fällt um, eine Tür geht nicht auf, das Licht geht nicht, der Partner kommt nicht; kann alles sein. Die Zuschauer sind ja auch nicht immer dieselben, manche Kindergruppen sind ruhig, manche sind ganz unruhig. In der Szene, als der Prinz mich auf dem Ball fragt: „Wollen Sie mich heiraten?“ hat einmal ein kleiner Junge ganz laut „Nein!“ geschrien. Da mussten wir natürlich zusehen, dass wir nicht anfangen zu lachen oder uns umdrehen und fragen: „Wie, nein?“ Auf solche Momente kann man sich nicht vorbereiten, aber man muss damit rechnen können. Deswegen ist es immer ein Nervenkitzel auf der Bühne.

Was machst du, wenn trotzdem mal ein Moment kommt, in dem du überhaupt keine Lust hast?
Das hört sich komisch an, aber ich nutze das. Einmal stand ich vor einer Vorstellung, hatte keine Lust und schlechte Laune, und einer Kollegin ging es genauso – da haben wir kurzerhand gesagt: „So, das nehmen wir jetzt einfach mit auf die Bühne und haben Spaß dabei!“ Ich habe also die Bühne benutzt, um meine Stimmung auszuleben. Wenn man keine Lust hat, kann man das auf jeden Fall umwandeln. Das ist ja eine auch eine Art Energie. Man muss nur einen Weg finden, sie zu bündeln und so für sich zu nutzen, dass sie einen voranbringt und nicht zurückhält.

Ein befreundeter Theaterwissenschaftler sagte mal zu mir: „In jedem von uns steckt ein Massenmörder“. Ist da was dran?
Absolut. Jeder von uns kann einen Mörder oder Vergewaltiger spielen, oder was auch immer. Ich glaube, dass man ganz viele Facetten in sich trägt. Es gibt immer Seiten, die man bedienen kann, um sich in einer Figur wiederzuentdecken. Auch wenn es nur etwas ist wie: „Die tippt immer so mit dem Finger auf den Tisch wie ich“. Wir sind ja alle Menschen. Klar wir sind durch die Gesellschaft in eine Richtung erzogen worden und dadurch wurden bestimmte Verhaltensmuster oder Eigenschaften verdrängt, weil man sie tabuisiert. Aber die sind sicherlich trotzdem noch da. Wir tragen prinzipiell alles in uns und haben so die Möglichkeit alles zu spielen. Deswegen glaube ich, dass Schauspielerei ein Handwerk ist, das jeder lernen kann – man muss sich einfach nur trauen. Jeder Mensch kann alles machen, egal was. Davon bin ich überzeugt.

Was ist deiner Meinung nach die universale Botschaft des Aschenbrödel-Märchens, an Kinder wie an Erwachsene?
Dass man sich niemals unterkriegen lassen darf, egal was passiert. Aschenbrödel hat sich selbst nie aufgegeben, auch in Momenten, in denen sie wirklich verzweifelt war. Es kann immer wieder sein, dass man sich nur noch verkriechen will und die Tür zumacht. Aber man muss einfach immer wieder lernen, die Tür aufzumachen und Menschen hereinzulassen.
Aschenbrödel macht immer wieder etwas Neues und ist interessiert an der Welt, und das bringt sie soweit, dass sie die Haselnüsse bekommt und der Prinz sich in sie verliebt.
In Momenten der Verzweiflung muss man offen bleiben für die Welt, für die Menschen, für Liebe, Freundschaft, Träume und Visionen. Denn in solchen Zeiten lernt man am meisten und daraus kann immer wieder Neues und Schönes entstehen. Das können drei Haselnüsse sein, aus denen auf einmal tolle Kleider herauskommen – aber selbst wenn da nichts rauskommt, dann hat man eben drei Haselnüsse. Ist doch auch schön!
Ich glaube, dass die Geschichte wirklich ermutigt, nie aufzugeben – die kleinen Dinge im Leben zu schätzen und daraus Großes entstehen zu lassen.

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