„Wenn ich nicht daran glauben würde, würde ich das nicht machen“ – Interview mit Gerhard Wissner vom Filmladen (SoSe 2014)

Wissner

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Von Jan-Erik Stock

Ich traf mich mit Gerhard Wissner (Jg. 1962) im Kasseler Filmladen-Büro. Er hat einen Universitätsabschluss in Soziologie, Politik-und Erziehungswissenschaften und ist seit 1985 im Filmladen Kassel e.V. tätig. Dort hat er u. a. einige Filmreihen organisiert und ist seit 1989 Kurator des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests, das er seit 1997 leitet. Ich sprach mit ihm über seine Intentionen, Pläne und Kooperationen.

Möchtest du etwas mit den gezeigten Filmen bewegen?
Dokumentarfilme zu zeigen, dient dem Zweck der Aufklärung. Ich möchte, dass sich die Menschen mit etwas auseinandersetzen, was zuerst einmal für sie im Verborgenen liegt oder auch unangenehm ist. Ich denke, dass die Auseinandersetzung mit einer gewissen Form von Realität etwas bewirken kann. Wenn ich nicht daran glauben würde, würde ich das nicht machen.

Nach welchen Kriterien werden die Filme des Dokumentarfilmfestes ausgewählt?
Filme haben immer ein Thema und eine Wertigkeit, also sozusagen eine eigene Subjektivität. Da sind hunderte Kriterien, die zusammenkommen und Erfahrung ist da, glaube ich, auch ein wichtiger Aspekt. Daher gibt es keinen Kriterienkatalog. Es ist eine sehr komplexe und sensible Angelegenheit, einen Film so in ein Programm einzubetten, dass er am besten aufgehoben ist.

Was macht ein guter Film für dich aus?
Das kann ich nicht beschreiben, denn es ist bei jedem Film anders. Natürlich kann man objektive Kriterien benennen: Wie ein Film gemacht ist oder was er bewirkt. Aber ob man sich in einem Film wiederfindet, kommt immer auf die eigenen Interessen und Erwartungen an. Es gibt Filme, in denen man sich verliert. Aber es gibt Filme, bei denen das nicht passiert, und dennoch sind sie im Programm. Auch Filme, die erstmal widerspenstig  oder sperrig sind und man nicht versteht, haben ihre Berechtigung.

Gibt es Kooperationen mit anderen Dokumentarfilmfesten?
Wir sind eingebettet in ein sehr ausgeprägtes Netzwerk von Festivals, doch jedes verfolgt natürlich seine eigenen Interessen. Im Prinzip geht es nur um Informationsaustausch. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Allerdings gibt es immer mal wieder Projekte, wie z.B. „Emerging Artists“, wo vier Kuratoren von deutschen Festivals, zu denen ich auch zähle, ein Programm gestalten und die Schnittmenge des experimentellen Films in den Fokus setzen. So haben wir Filmemacher, die bis 35 Jahre alt sind auf einer DVD vereinigt, um sie weltweit zu promoten.

Hast du einen Lieblingsregisseur?
Es gibt hunderte von Lieblingsregisseuren und Lieblingsfilmen, ich kann das nur für mich subjektiv beantworten. Wenn ich mir einen Film ein zweites Mal schaue, was nicht allzu oft passiert, ist das ein Zeichen dafür, dass er mich mehr interessiert. Im letzten Jahr war das ganz klar „La Grande Bellezza – Die grosse Schönheit“ – eine italienisch-französische Koproduktion von  Paolo Sorrentino. Den habe  ich mir zweimal im Kino angeschaut.

Und ein Lieblingsgenre?
Das Lieblingsgenre ist natürlich das „Dokumentarisch-Künstlerisch-Experimentelle“, was ich natürlich auch beiseite räumen kann, wenn ein Film in mir andere Gefühle oder Gedanken auslöst. Dann ist mir das Genre zunächst egal. Das kann ebenso bei Jean-Luc Godard passieren, wie bei Lars von Trier oder bei einem Dokumentarfilmemacher wie Peter Liechti. Muss ich hier auf die Frauenquote achten? (lacht). Natürlich gucke ich beruflich mehr Dokumentarfilme als Spielfilme.

Gibt es irgendwelche Pläne für die Zukunft, sei es im Rahmen des Dokfilmfests oder auch allein?
Es gibt immer wieder Ideen, Projekte zu realisieren, es gibt aber keinen Masterplan, bei dem ich jetzt sagen könnte, in fünf Jahren möchte ich dieses oder jenes machen. Ich sehe das Ganze immer als Prozess auf der einen Seite, aber andererseits auch als Möglichkeit, in deren Rahmen sich Dinge zueinander fügen und etwas Neues ergeben.

Welche Unannehmlichkeiten sind zu bewältigen, bevor das Dokfilmfest startet?
Eins muss man sich klar machen: Es ist keine Institution, sondern ein Projekt, d. h. man muss immer wieder dieselben Anträge stellen und dieselben Wege gehen, die andere als Institution nicht gehen müssen. Von daher ist auch die Frage einer sicheren Planungsgrundlage, eine äußerst wichtige. Die gibt es aber nur bedingt und solange sich das nicht ändert, wird es keine Dreijahrespläne geben, um etwas zu entwickeln. Die Not, bestimmte Dinge nicht machen zu können, weil man das Geld nicht hat, setzt ja auch eine gewisse Form von Kreativität frei. Das hat Charme, macht aber andere Dinge extrem schwer und anstrengend. Und so verschwindet der schöne Schein von so etwas, weil etwa 50 Prozent langweilige Bürokratie ist. Wenn nicht sogar mehr.

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