„Wer kommen will, ist willkommen!“ – Interview mit Dirk Radunz vom Theater Chaosium (SoSe 2014)

Dirk-Radunz_55_Von Theresa Rühling

Seit seiner Gründung im Jahr 1990 verfolgt das Theater Chaosium die Leitidee, Menschen, die Erfahrungen mit Psychosen und Psychiatrieaufenthalten haben, das Theaterspielen zu ermöglichen. Derzeit gehören dem Projekt ca. 25 Mitspieler an, die in zwei Ensembles regelmäßig zur Entwicklung, Erprobung und Aufführung wechselnder Stücke zusammenkommen – unter anderem unter der Leitung von Dirk Radunz, der infolge des Studiums der Sozialen Arbeit zu einem festen Bestandteil des Projekts wurde.

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ – ein Zitat aus der Vorrede von Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“. Welche Assoziation besteht zu der Idee ihres Projektes?
Wir bieten Menschen, die Erfahrungen mit Psychosen und Psychiatrieaufenthalten haben, die Möglichkeit, Theater zu spielen – das Zitat bringt zum Ausdruck, dass diese Menschen trotz oder gar aufgrund des Chaos, mit dem sie sich angesichts ihrer Problematik konfrontiert sehen, in der Lage sind, einen tanzenden Stern zu gebären, d. h., etwas Schönes und Leuchtendes entstehen zu lassen.

Inwiefern wird die Problematik betroffener Mitspieler offen thematisiert?
Zunächst gilt: Niemand ist zu Offenheit verpflichtet – wer kommen will, ist willkommen und wer seine Problematik preisgeben möchte, tut dies freiwillig! Auf der Bühne ist dann jeder so verrückt oder normal, wie es das Stück erfordert. Dennoch: Bei vielen Spielern, insbesondere langjährigen Mitspielern, sind uns mittlerweile die Problematiken bekannt.

Werden die Erfahrungen Betroffener auch explizit in den Stücken ausgedrückt?
Die Psychosen selbst, aber auch die Aufenthalte in Psychiatrien sind ein wesentlicher Bestandteil der Lebenserfahrung, die wiederum die Grundlage des Theaterspielens aus Improvisation bildet. Auf diese Weise sind die psychischen Grenzerfahrungen unserer Mitspieler bei der Auswahl der Stücke oder Themenbereiche relevant und wurden in den vergangenen Jahren automatisch mehr oder minder offensichtlich zum Gegenstand gemacht. Weil die Mitspieler aber auch regelmäßig den Wunsch äußern, einmal mehr etwas ganz anderes zu inszenieren, herrscht eine gelungene Abwechslung.

Existieren vergleichbare Projekte?
Obwohl die Anzahl der Theater von und für Menschen mit Behinderungen im weitesten Sinne mittlerweile beträchtlich ist, gibt es deutschlandweit nur etwa fünf bis zehn Projekte, die unmittelbar mit dem unseren vergleichbar sind. 

Wie gestaltet sich der Entwicklungsprozess eines Stückes?
Weil die Gelder zur Finanzierung unseres Projektes jährlich bewilligt werden, steht uns ungefähr ein Jahr zur Entwicklung eines neuen Stückes zur Verfügung. Das Leitungsteam oder die Mitspieler selbst machen Vorschläge zu Stücken oder Themenbereichen, die als Grundlage von Neukreationen dienen. Assoziativ werden Informationen zu einem Stück oder Thema gesammelt und erste improvisative Ansätze gemacht. Parallel dazu bietet sich dann auch häufig die Gelegenheit für ein ausgiebigeres Theatertraining, um Neuzugängen den Einstieg zu erleichtern. Allmählich lassen sich die Improvisationen zu einer konkreten szenischen Darstellung verdichten und beispielsweise im Sinne einer Collage zusammenstellen. Dann beginnt die Phase intensiver Proben des fertigen Stücks, das schließlich aufgeführt und meist auch in irgendeiner Weise dokumentiert wird.

Knapp 40 aufgeführte Stücke in 24 Jahren – haben Sie Favoriten?
Dazu zählt zweifelsohne „Tür an Tür“ – eine Collage, die in Anlehnung an einzelne kürzere Texte Kafkas entstand. Auf deren Grundlage entwickelten wir verschiedene Rollen und platzierten sie in nachbarschaftlichem Verhältnis in ein Wohnhaus. Außerdem „5 mal 2 Beckett“ als Vereinigung der Stücke „Warten auf Godot“ und „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett – es fasziniert, weil es, sobald man es in Bewusstsein der besonderen Umstände der Mitspieler interpretiert, plötzlich zahlreiche Parallelen aufweist und Möglichkeiten der Neuinterpretation bietet. Und nicht zuletzt „Die Eroberung des Südpols“ in Anlehnung an die gleichnamigen Werke Roald Amundsens und Manfred Karges – am Tag der Uraufführung diel die Heizung aus, da erforderte es keine allzu große Leistung der Fantasie, sich vorzustellen, man befände sich in der Antarktis (lacht).

Welche Erwartungen richten Sie an die Zukunft?
Nachdem wir bereits 2010 das Festival „Theaterwahn“ anlässlich des 20-jährigen Jubiläums veranstaltet haben, planen wir in naher Zukunft eine ähnliche Veranstaltung, zu der verschiedene Gruppen zu Gastspielen oder auch zur Entwicklung kooperativer Projekte eingeladen werden. Darüber hinaus werden wir immer wieder Ideen in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen der Kasseler Kulturszene erarbeiten, die zwar zeitlich kompakter angelegt sind, inhaltlich hingegen oft eine intensive Auseinandersetzung erfordern. Selbstverständlich muss immer in Erwägung gezogen werden, keine finanzielle Unterstützung zu erfahren – allerdings sind wir angesichts der vergangenen 24 Jahre wohl mit Fug und Recht optimistisch in Anbetracht des weiteren Bestehens (lacht).

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin Erfolg! Vielen Dank!

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