„Es war das Ballett, worauf es hinauslief.“
Interview mit der Ballettlehrerin Almut Anna Rudolph, Inhaberin der Ballettschule in Baunatal (WS 2018/19)

Von Lea-Sophie Reitze

Almut Anna Rudolph, Jahrgang 1968, ist seit 15 Jahren Inhaberin der Ballettschule Baunatal. Dort trafen wir uns, und sie gab mir in unserem Gespräch einen Einblick in ihre berufliche Laufbahn und ihre Arbeit.

Wann haben Sie mit dem Balletttanzen angefangen und warum?
Ich bin in der ex DDR geboren und da kamen die Leute, die die Kinder in einer Sportart unterbringen wollten, an die Schulen. Man wurde quasi gecastet. Es war nicht mein Wunsch als Kind Ballett zu machen, ich kannte das auch gar nicht. Trotzdem wurde ich dem Ballett zugewiesen. Das war die Staatliche Musikschule Bad Salzungen, da konnte man das Balletttanzen nicht als Hobby ausüben, sondern es ging gleich in die berufliche Schiene und ich war damals, soweit ich mich erinnere, fünf oder sechs Jahre alt. Dann stand recht bald fest, dass es der Tänzerberuf wird, denn ich hatte gleich meine 1 in Klassisch. Es war mein Ein und Alles. Es war das Ballett, worauf es hinauslief.

Ab welchem Zeitpunkt wussten Sie, dass Sie Ballettlehrerin werden wollten?
Das weiß ich noch nicht so lange. Ich kam über Umwege vor der Wende in den Westen, nach Kassel, und muss vorausschicken, dass ich das damals bis kurz vor meinem Bühnentanzabschluss gemacht habe. Kurz vorher musste ich aufhören, weil der Arzt eine leichte Skoliose diagnostizierte. Das war grauenhaft für mich, weil ich mit der Prognose Solistin dastand und auf einmal hieß es an der Stelle ist alles vorbei für dich, dein Körper ist nicht optimal. Als ich dann hier war, wusste ich nicht, dass es hier Ballett für Laien gibt. Ich kannte es ja nicht anders aus der DDR, es gab entweder Profis oder gar nichts. Ich habe dann eine Ballettschule entdeckt und habe Probetraining vereinbart. Meine damalige Trainerin, die dann auch meine Chefin wurde, hat mich gefragt, ob ich nicht auch unterrichten könne. Ich vergesse den Tag nicht, an dem das Ballett wieder in meinem Leben war. Da war ich ungefähr 20 und von dem Tag an wusste ich, dass ich Ballettlehrerin werden möchte.

Benötigt man eine bestimmte Ausbildung, um eine Ballettschule zu eröffnen und wenn ja, wo haben Sie Ihre Ausbildung gemacht?
Ich habe zunächst in Kassel ein ganz reguläres Pädagogikstudium absolviert und durfte währenddessen schon in der Ballettschule im Unterricht assistieren. Meine damalige Chefin hat mich sehr gefördert, dass ich die ersten Fortbildungen im tanzpädagogischen Bereich mache, wozu ich also regelmäßig nach Frankfurt, Berlin oder Hamburg fuhr. Als ich mein erstes Studium fertig hatte, habe ich vier Jahre lang berufsbegleitend in Düsseldorf Tanzpädagogik studiert, bei Frau Professor Ursula Borrmann. Es war grandios, das zu erleben bei einer Frau, die die Waganowa, eine russische Balletttänzerin und Ballettpädagogin und Vorbild für die Grundlagen der Ausbildung von TänzerInnen, selbst noch erlebt hat. Frau Borrmann ist die beste Lehrerausbilderin, die man sich vorstellen kann, deutschlandweit und international. Sie ist inzwischen über 80, macht immer noch Fortbildungen für ihre Schützlinge und ich gehe da auch immer noch hin, obwohl ich jetzt auch über 50 Jahre alt bin. Da ich immer noch mehr lernen wollte, ging nochmal zwei Jahre lang nach Frankfurt, wo ich mein Zertifikat für tänzerische Früherziehung erlangte

Welche Altersgruppen werden in Ihrer Ballettschule unterrichtet?
Die kleinsten sind vier Jahre alt und die ältesten sind Damen wie ich um die 50 Jahre. Man muss natürlich wissen, dass, wenn man im  Erwachsenenalter mit Ballett anfängt, keine Profitänzerin werden kann, aber man kann doch einiges erreichen und für seinen Körper tun.

Organisieren Sie Auftritte und wenn ja welche Altersgruppen nehmen daran teil?
Ja, Auftritte gibt es. Zum einen machen wir hin und wieder Galas, das heißt jede der ungefähr 30 Klassen zeigt einen Tanz in der Stadthalle in Baunatal. Dann haben wir Handlungsballette, sprich “Nussknacker”, “Dornröschen”, “Aschenputtel”, und auch die machen wir für fast alle Altersgruppen, außer für die Vierjährigen, auf, weil für die Kleinsten die Probenzeiten einfach zu lang werden. Wir proben manchmal acht Stunden am Stück und die Aufführungen sind sehr stressig. Die Jüngsten, die dann mittanzen, sind dann eher sechs bis sieben Jahre alt.

Auf Ihrer Internetseite steht, dass mehrere Schülerinnen den Sprung in eine tänzerische Laufbahn geschafft haben. Wie genau lief das ab und wie haben Sie die Schülerinnen unterstützt?
Man sieht ungefähr, wer körperlich geeignet ist. Körperliche Eignung allein reicht allerdings nicht. Talent muss da sein, Musikalität, räumliches Verständnis. Es war bisher immer so, dass ich die Eltern der entsprechenden Kinder angesprochen habe. Die Kinder sollten allerdings in der vierten Klasse sein, da man ab der fünften Klasse ins Ballettinternat nach Berlin oder nach Dresden gehen kann. Es gibt natürlich noch andere Internate, aber ich schicke meine Mädchen meistens nach Berlin oder Dresden, weil das staatliche Schulen sind. Dort muss man einen Eignungstest machen und nochmal eine Eignungsprüfung. Die Mädels, die ich hingeschickt habe, haben diese Prüfungen durchweg auch als Quereinsteiger bestanden. Allerdings ist das Bestehen nur die eine Sache, das durchzuziehen ist nochmal eine ganz andere. Die Mädchen, die es durchgezogen haben, sind letztendlich im professionellen Tänzerberuf gelandet, zum einen in den USA, eine hat große Rollen, wie Giselle und Coppelia, tanzen dürfen und dann tanzt noch eine meiner ehemaligen Schülerinnen in der Semperoper. Das sind also ganz verschiedene Lebenswege.

Homepage der Ballettschule Baunatal: www.ballettschule-baunatal.de