„Ich bearbeite Etwas Unangenehmes mit Humor”
Melanie Gerland über ihre Anfänge in der Szene, die selbsttherapeutischen Effekte von Comedy und ihre aktuelle Show (WS 2021/2022)

Foto: M. Gerland

Von Leona Knobel

Sie ist die wohl prägendste, aber auch einzige Stand-Up-Komödiantin Kassels. Nach ihrem Studium an der Kunsthochschule Kassel und einer Buchveröffentlichung tourt sie mit Kurzprogrammen durch Deutschland und etablierte vor drei Jahren die sogenannte Mixed Show „Melanie Gerlands Comedy Night Club“ – als ein wahres Kasseler Comedy-Monopol. Wie sie dazu kam und warum ihr Buch über Borderline gar nicht so ein großer Unterschied zu dem ist, was sie auf Bühnen präsentiert, erläutert die 43-Jährige mir im Interview bei einer Tasse Tee im Januar 2022.

Warst du in der Schule schon immer der Klassenclown?
Auf jeden Fall, damals kam es jedoch aus der Motivation heraus damit, beliebter zu werden und jetzt mach‘ ich was daraus. Dadurch hat sich wahrscheinlich so ein Verständnis für Humor und Ironie entwickelt.

Wie hat dein Wirken innerhalb der Kulturlandschaft begonnen?
Also, ich habe ja von 2003 bis 2012 Illustration und Comic bei Hendrik Dorgathen an der Kunsthochschule Kassel studiert. Aber ich habe schon als Kind gemerkt, dass ich gern auf Bühnen stehe. Diese Leidenschaft konnte ich während des Studiums bei dem jährlichen “Rundgang” der Kunjsthochschule, bei Ausstellungen in der Caricatura oder bei Schauspielseminaren ausleben. 2010 habe ich dann mein Buch „Offene Arme“ veröffentlicht, mit dem ich deutschlandweit auf Lesetour war.

Du bist durch dieses Werk ja auch recht schnell im Internet unter der Schlagzeile „Borderline in Kassel“ zu finden, da dieses Thema in der autobiografischen Graphic Novel behandelt wird. Das ist gewiss nicht das Erste, was Menschen erwarten, wenn sie Dich als Komödiantin suchen… Wie positionierst Du Dich heute dazu?
Ja, damals gab es viel Aufsehen. Ich war auch sehr stolz, dass ich damit sogar in der Tagesschau und bei Brisant vertreten war. Da steh‘ ich voll zu meinem Werk. Im Grunde genommen finde ich nicht, dass ich jetzt was anderes mache; Ich habe damals aus meinem Leben berichtet. Vom Ritzen. Und zu der Zeit gab es einen sehr hohen prozentualen Anteil an Schülern, bei denen dieses Phänomen und derartige Probleme verbreitet waren. Ich wollte mit diesem leichten Medium Cartoon dieses schwere Kapitel Ritzen behandeln, um gerade Menschen, die sich da nicht hineinversetzen können, einen Zugang zu diesem Thema zu ermöglichen. Und hab damit Menschen helfen können. Heute versuche ich ebenfalls den verrückten Kram, der mir so durch den Kopf geht und den wir Menschen manchmal als so schwer oder unangenehm empfinden über den Humor zu transportieren. Ein positives Gefühl umwickelt ein schweres Gefühl.

Also Selbsttherapie?
Nun gut, beim Comic nicht, denn das würde bedeuten, dass man noch im Heilungsprozess ist und dann hätte ich das so nicht machen können, das hätte mich ja an allen Ecken getriggert. Aber Comedy kann schon therapeutische Effekte haben. Zum Beispiel wenn ich die Anekdote erzähle, wie ich mal angepöbelt wurde und merke, wie Menschen darüber lachen, was für banale Gedanken ich mir darüber mache. Davon war die Nachwirkung schon, dass ich inzwischen Pöbler voll überhören kann und sie mich gar nicht mehr stören.

Du bist mit derartigen Anekdoten auf Bühnen in verschiedenen Städten unterwegs oder erzählst sie bei der Moderation deiner Show. Wie kamst Du zu dieser Show?
Nach dem Abschluss hab‘ ich schnell gemerkt, Zeichnen ist es nicht. Es hat mich stattdessen schon immer auf die Bühne gezogen. Ich bin damals auch öfter im Literaturhaus oder auf verschiedenen Open Stages aufgetreten. Und die Idee zur Mixed Show kam recht schnell, weil es nicht so unüblich ist, dass Comedians eine solche haben und es in Kassel sowas ja gar nicht gab.

Inwiefern hat die Corona-Krise denn deine Arbeit als Komödiantin im Allgemeinen bzw. deine Show im Speziellen verändert?
Es ist erst einmal superviel ausgefallen, sowohl bei meiner eigenen als auch bei anderen Shows, bei denen ich aufgetreten wäre. Es ist auch schwierig, weil aus den verschiedensten Gründen weniger Zuschauer kamen. Andererseits hab‘ ich die Zeit auch genutzt, um mich weiterzuentwickeln. Jetzt gibt es ganz viele Neuigkeiten. Als wäre ich beim ersten Lockdown noch so in meinem Kokon gewesen und darf jetzt als Schmetterling losfliegen.

Die da wären?
Ich ziehe jetzt mit meinem Comedy Club um. Nach drei Jahren im Gleis 1 und ganz nach dem Motto ‚Man soll gehen, wenn’s am schönsten ist.‘ ziehe ich jetzt in Goethes PostamD, eine sehr geile Location. Die Show braucht eine Weiterentwicklung und ich bin sicher, dass das Stammpublikum davon profitiert und neue Zuschauer begeistert sein werden.

Dein Lieblingskomödiant?
Öczan Cosar ist mein Held und inspiriert mich enorm.

Gibt’s auch wen, der für Dich gar nicht geht?
Ohja bestimmt, aber das is‘ immer so unkollegial.

Lachen ist…
Komplexe Frage, die ich nicht in einem Satz beantworten kann. Lachen ist ja ein Impuls, der aus verschiedenen Gründen entsteht, sei das aus Verlegenheit, aus Freundlichkeit, Vertuschung, manchmal wegen Situationskomik oder weil man eben gekitzelt wird oder sowas. Und bei der Comedy hast du die Chance ein Thema, das Dir unangenehm ist mit Humor zu bearbeiten, und zwar in der Tiefe, das Thema bleibt ja das Gleiche, aber mit einer gewissen Leichtigkeit. Lachen ist eine der wichtigsten Kommunikationsformen für uns Menschen. Ich meine, das ist überlebenswichtig. Und der alte Spruch stimmt: Lachen ist die beste Medizin! (lacht)

Das stimmt. Was war denn dein bester Auftritt bisher?
Es gibt eigentlich immer wieder krasse Ereignisse oder Auftritte, bei denen man verschiedene Ziele zum ersten Mal bzw. Meilensteine erreicht. Zum Beispiel beim Mannheimer Comedy Cup, wo ich vor Kurzem beim ‚Best Of‘ war und regelmäßig bin. Oder wo ich vor einigen Jahren mit 850 Leuten mein größtes Publikum hatte und den Förderpreis gewonnen habe.

Und was waren Deine schlimmsten Auftrittsbedingungen?
Ohaaa, das war als mein toxischer Exfreund. Er war wenige Wochen, nachdem er verkündet hat, dass er jetzt erstmal allein sein muss, im selben Line Up gebucht wie ich. Und dann saß er – ungelogen – mit seiner neuen Freundin in der allerersten Reihe. Man könnte darüber hinwegsehen, wenn Sie nicht die einzigen gewesen wären (lacht). Denn es war Open Air, strömender Regen und die zwei eng unterm Regenschirm aneinander gekuschelt. Das war der mit Abstand schlimmste Auftritt meines Lebens und es wird sicher keinen schlimmeren geben (lacht).

Was würdest Du neuen Leuten sagen, warum sie in deine Show gehen sollten?
Weil ich die Creme de la Creme der Comedy Szene hier zu Gast habe. Jeden Monat verschiedene hammergeile und hochwertige Künstler und Künstelrinnen, die bereits in bekannten Shows wie NightWash auftreten und die aus ganz Deutschland hier zu uns nach Kassel kommen. Das kann ich ohne Arroganz sagen, da die sie ja die Show schmeißen. Und die Dynamik bei einer solchen Show ist nicht vergleichbar mit YouTube Videos.

Danke für das Interview und gutes Gelingen für Deine nächsten Shows!

Melanie Gerland auf Instagram

Webseite: https://melaniegerland.blogspot.com/