„Man hat auch die Möglichkeit, in einem Sarg Platz zu nehmen“
Interview mit Gerolfd Eppler, stellvertretender Direktor des Museums für Sepulkralkultur und Museumspädagoge (WS 2018/19)

Von Jannis Harenberg

Gerold Eppler (Jg. 1960) ist stellvertretender Direktor des Museums für Sepulkralkultur. Ein Museum, in dem es um das Sterben und den Tod geht. In unserem Gespräch redet der gelernte Steinbildhauer, und Kunstpädagoge über seine Arbeit, Aberglauben und den Umgang mit dem Tod.

Das Thema Tod ist für viele Menschen ein eher deprimierendes Thema, mit dem sie sich nicht gerne beschäftigen möchten. Wieso empfehlen Sie trotzdem, das Museum für Sepulkralkultur zu besuchen?
Weil wir Menschen wissen, dass wir sterben müssen. Mit dieser Tatsache müssen wir irgendwie fertig werden. Wir zeigen hier Strategien, wie Menschen früher mit ihrer Endlichkeit umgegangen sind. Es geht um das Individuum selbst, das begriffen hat, dass es sterben muss. Wir veranschaulichen aber auch, wie Menschen sich damit auseinandersetzen, dass sie Personen aus ihrem Umfeld verlieren werden oder schon verlorenen haben. Die Strategien im Umgang mit diesen Dingen haben sich geändert. Wir zeigen diese Veränderungen auf.

Ist es auch Ziel des Museums, dass die Besucher ihre Einstellung zum Tod ändern?
Nicht unbedingt ändern, aber dass sie sich damit konfrontieren. Gerade in der Gegenwart ist es so, dass durch die gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung sehr viele davon ausgehen, dass sie sehr alt werden. Können sie auch gerne tun, trotzdem gibt es ja keine Garantie, dass man wirklich uralt wird. Das Thema Tod schiebt man von sich. Es ist einfach unangenehm. Irgendwann muss man sich jedoch diesen Verlusten stellen und dann wird es schwierig, wenn man nicht vorbereitet ist.

Wie kann man sich den Durchschnittsbesucher des Museums vorstellen?
Die eine Gruppe, die seltener hier im Museum anzutreffen ist, ist die der 30- bis 50-jährigen. Außer sie sind beruflich mit dem Themen Sterben, Tod, Bestatten, Trauern und Gedenken konfrontiert. Das ist auch eine der wichtigen Besuchergruppen: Personen, die sich in ihrem beruflichen Alltag mit diesen Dingen beschäftigen. Die suchen teilweise Anregungen und lassen sich hier auch weiterbilden. “Normale” Leute kommen in der Regel nur im Rahmen von Sonderausstellungen zu uns. Wenn es kulturwissenschaftliche Themen gibt, kulturhistorische Ausstellungen, wie die jetzige „Tutenfru! Tod und Aberglaube“ oder andere Ausstellungen, die direkte Bezüge zu ihrer Alltagserfahrung haben. Dieser Ansatz führt dazu, dass Menschen hier ins Museum kommen, die sich nicht persönlich mit der Thematik Sterben und Tod auseinandersetzen wollen.

Und die Ausstellung über Tod und Aberglauben lockt gerade viele Leute an?
Ja, natürlich. Das hängt auch damit zusammen, dass wir dieses Thema mit einem Augenzwinkern aufgezogen haben. Aber es gibt auch direkte Bezüge zur Gegenwart und dann wird es teilweise schlimm. Wenn man z.B. überlegt, dass Menschen in Afrika verfolgt werden, weil aus ihren Körperteilen irgendwelche magischen Stoffe gebraut werden sollen. Das sind Verbrechen, die wir uns hier nicht vorstellen können, aber die beruhen teilweise noch auf diesen abergläubischen Vorstellungen. In unserem Kulturkreis ist es so, dass sehr viele immer noch zu Hellsehern, Wahrsagern oder Astrologen gehen, weil sie sich erhoffen, dass sie ein Stück weit Einfluss auf ihre Zukunft nehmen können. Ereignisse, die man nicht mehr kontrollieren kann, möchte man unter Kontrolle bringen und nutzt dafür diese abergläubischen Vorstellungen. So können sehr schnell Abhängigkeiten entstehen.

Was genau kann man in der Ausstellung sehen, was für Exponate?
Das geht von Todesvorzeichen über die Personifizierung des Todes bis hin zu Exponaten, die man als Heilzauber oder als Schadenszauber benutzen kann. Den eigenen Aberglauben kann man auf der Mittelebene testen. Da gibt es eine Wand mit Fragen und einem Ranking, an der man sich dann irgendwo verorten kann. Man hat auch die Möglichkeit, in einem Sarg Platz zu nehmen oder ein Totenhemd anzuziehen. Das machen nicht alle (lacht).

Sind Sie selbst in irgendeinem Punkt abergläubisch?
Nein, gar nicht. Meine Frau sagt, ich sei wahrscheinlich der einzige nicht abergläubische Mensch, den sie kennt. Ich denke da zu rational.

Jetzt mal allgemein zu Ihrer Arbeit: Was ist Ihr Aufgabenbereich im Museum für Sepulkralkultur?
Von mir hätte man früher gesagt: Mädchen für alles. Das beginnt damit, dass ich Kollegen bei handwerklichen Arbeiten unterstütze, weil ich gelernter Steinbildhauer bin. Ich gebe Führungen durch das Museum. Ich entwickle Vermittlungsformate, konzipiere Workshops und arbeite mit Schulen zusammen. Ein anderer Tätigkeitsbereich ist das Kuratieren von Ausstellungen. Die Ausstellung „Tod und Aberglaube“ habe ich zusammen mit meiner Kollegin Frau Neurath zusammengestellt. Ich berate aber auch Träger von Friedhöfen, wenn es darum geht, welche Grabmahle erhaltenswert sind. Es ist im Grunde das ganze Spektrum.

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zum Tod? Hat die sich geändert, seit Sie hier arbeiten?
Ja, es fördert die bewusste Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass man irgendwann sterben muss. Was sich nicht geändert hat, das sind Jenseitsvorstellungen oder Auferstehungshoffnungen. Auch da bin ich zu rational. Die Vorstellung, dass man nach dem Tod weiter existiert, hat natürlich etwas Verlockendes, ich frage mich aber, warum das auf mich zutreffen sollte. Da fehlt es mir an Fantasie, obwohl es da wunderbare Beschreibungen in allen Kulturkreisen gibt. Ich kann aber sehr gut respektieren, dass es Menschen gibt, die fest in ihrem Glauben sind. Das unterstütze ich auch! Also ist es nicht so, dass ich hier anfangen würde, die Menschen vom Gegenteil zu überzeugen. Das ist ja das Schöne an einer offenen Gesellschaft, man darf so etwas äußern, muss aber auch andere Positionen respektieren.