“Ohne Engagement gibt es gar nichts”
Interview mit Ewald Griesel vom Technik-Museum Kassel (WS 2018/19)

Foto: Kováčová

Von Sára Kováčová 

Ewald Griesel ist 1. Vorsitzender und einer der Gründer des Vereins „Technik-Museum Kassel“. Im Interview erzählt er, wie er Vorsitzender des Technik-Museums (TMK) wurde und stellt dessen Besonderheiten heraus. Außerdem schildert er, wie sich die Ausstellungsfläche seit 2010 auf heute knapp 6000 Quadratmeter entwickelt hat.

Wie sind Sie Vorsitzender des Museums geworden?
Eher verlegenheitshalber. Als wir 2005 einen Verein gründen wollten, um die technischen Raffinessen der Region zu sammeln, haben wir uns mit 15 Leuten zusammengesetzt. Zu diesem Zeitpunkt war ich bei der Kasseler Sparkasse tätig und war deshalb für den Posten des Schatzmeisters vorgesehen.
Wir hatten auch Einigkeit erzielt, wer Geschäftsführungsaufgaben und das Amt des Schriftführers übernimmt sowie wer als Beisitzer fungiert. Bei der Gründungsversammlung mussten wir aber auf die Frage des Notars, wer denn Vorsitzender ist, passen. Für die Anmeldung zum Vereinsregister, klärte uns der Notar auf, ist aber die Wahl des Vorsitzenden unerlässlich. Schließlich habe ich mich dazu bereit erklärt, diesen Posten anfangs zu machen. Daraus sind nunmehr 13 Jahre geworden.

Welche besonderen Objekte kann man in Ihrem Museum betrachten?
Fangen wir mal bei einem besonderen Modell an. Es ist im Maßstab 1:1. In der Anfangszeit unserer Überlegungen, ein Museum aufzubauen, stand fest, es als Dauerleihgabe des Vereins Henschel-Museum aufzunehmen. Es entspricht exakt der ersten von Henschel gebauten Lokomotive namens „Drache“. Ein externer Gutachter disqualifizierte dieses Modell als nicht ausstellungswürdig, denn es besteht aus Holz und hätte daher keinen historischen Wert. Aber es ist für die Besucher das Foto-Objekt Nr. 1 und es markiert den Beginn des Lokomotivbaus in Kassel – der umfasst bis heute ununterbrochen 170 Jahre! Im TMK können die Besucher wichtige Objekte zur Dampftechnik, darunter eine echte Güterzuglokomotive, betrachten. Sehenswert sind die alten Straßenbahnen, der Transrapid 05, historische Feuerlösch-Fahrzeuge, die Medizintechnik-Sammlung, das Großmodell der Eisenbahnanlagen rund um Bebra. Auch gibt es eine Sonderausstellung zur Entwicklung der Bürotechnik mit Rechenmaschinen, Schreibmaschinen und ersten Computern.

Nach welchen Kriterien konzipieren Sie die Sonderausstellungen?
Entweder haben wir ein Themenjahr oder es werden uns umfassende Sammlungen angeboten. Aber es freut uns auch sehr, wenn Leute auf uns zukommen und uns Exponate zur Verfügung stellen. In anderen Fällen ist es gelungen, anlässlich der Aufgabe von Geschäftsräumen historisch interessante Apparate oder Geräte zu retten. Vermehrt erarbeiten wir Sonderausstellungen zu Menschen oder Unternehmen der Region, die Technikgeschichte geschrieben haben, aber weitgehend in Vergessenheit geraten sind.

Haben Sie auch Angebote für Kinder im Grundschulalter?
Ja, bei uns gibt es den sogenannten „VDIni-Club“, ein Projekt, das der Verein Deutscher Ingenieure initiiert hat und betreut. Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren haben bei uns – in einem eigens eingerichteten Clubraum – die Möglichkeit, spielerisch Geheimnisse der Technik und Naturwissenschaften kennen zu lernen. Dort stehen diverse Baukästen und Experimentiersets (zum Beispiel zur Herstellung elektrischer Schaltungen) zur Verfügung. Hier lernt man, angeleitet von pensionierten Ingenieuren, wie etwa Magnetismus und Elektrizität funktionieren, welche Kräfte freigesetzt werden und wie sie wirken.
Außerdem veranstalten wir Aktionstage, Familientage und Projekttage für Kindergarten- und Schülergruppen. Im Mittelpunkt stehen dabei Vorführungen und Experimente zum selber ausprobieren.

Was ist so besonders am Technik Museum Kassel?
Wir sind aktuell stolz auf die erreichten Besucherzahlen, um die wir schon lange gekämpft haben. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass unser Konzept gut angenommen wird. Bei uns gibt es weitgehend keine Vorschriften, wie etwa „Abstand halten“, „Nicht Anfassen“, „Einsteigen verboten“, „Kinder an die Hand nehmen“. Insofern sind wir ein sehr haptisches Museum. Der Besuch ist frei gestaltbar, jeder kann dort verweilen, wo und wie lange er mag. Es gibt keine Barrieren, die den Besucher lenken. An vielen Stellen merkt man, dass der Aufbau der Sammlungen noch im Gange ist- so darf man gespannt auf Neues sein. Das alles macht das TMK anders.

In den letzten Jahren hat die Technik große Fortschritte erreicht. Es werden beispielsweise Elektroautos hergestellt, es gibt Roboter als Staubsauger und Rasenmäher-Ersatz, Smartphones und vieles mehr. Wie kann das Museum die Besucher in der heutigen Zeit noch begeistern?
Das ist eine der brennenden Aufgaben, der wir uns stellen müssen. Natürlich können wir im TMK nicht allen Bereichen der Technik Ausstellungsfläche einräumen. Das ist einfach unmöglich. Aber wir suchen Kontakte zur Wirtschaft und der Universität, um auch aktuelle Entwicklungsbereiche erlebbar machen zu können, wie etwa Mikroprozessor-, Roboter-, Bio-Technik. Das erfordert ein hohes Maß an Management und Geld. Es darf daran erinnert werden, dass das TMK auf eine private Initiative zurückgeht und seither vorwiegend von Menschen aufgebaut wurde, die sich leidenschaftlich ehrenamtlich eingebracht haben. Ohne Engagement geht und gäbe es gar nichts.