„Wenn du die Spucke der Schauspieler im Gesicht hast und den Bühnennebel riechst – das ist eine ganz andere, unmittelbare Erfahrung“
Interview mit der Staatstheater-Schauspielerin Meret Engelhardt (SoSe 2021)

Foto: Alexander Rumpler

Von Alexander Rumpler

Meret Engelhardt, geboren 1988 in Wien, arbeitet als Schauspielerin am Kasseler Staatstheater und ist dort seit der Spielzeit 2018/2019 festes Ensemblemitglied. Nach einer langen Zeit der Pandemie, öffnen die Theater wieder und mit „Welcome to Paradise Lost“ stand Frau Engelhardt nun (2021) erstmals wieder live auf der Bühne.

Frau Engelhardt, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben! Wie fühlt es sich an, nach so langer Spielpause wieder live auftreten zu dürfen?
(Lacht) Das ist sehr schön. Wenn man so lange Theater in geschlossenen Proberäumen probt, verliert man das allerwichtigste, was Theater ausmacht und das ist die Verbindung zum Publikum. Wenn die Menschen fehlen, erzählen wir Geschichten, aber keinen interessiert‘s und das ist unglaublich traurig und unbefriedigend. Mit dem wiedererwachten Theatergefühl kommt, für mich zumindest, das Leben zurück. Wir haben das bei den ersten Vorstellungen bemerkt. Die waren innerhalb von drei bis vier Stunden gänzlich ausverkauft, weil die Menschen so einen Hunger haben.

Wie erging es Ihnen als Schauspielerin und Künstlerin während des letzten Jahres? Gab es Unterstützung durch die Stadt Kassel?
Wir sind hier am Staatstheater in der privilegierten Situation, dass wir vom Staat und vom Land Hessen getragen werden. Darum werden wir tendenziell immer unterstützt. In der freien Szene war die Unterstützung aber eher mangelhaft. Ich habe an der Schauspielschule Kassel gearbeitet und da waren Studenten, die Hilfspakete beantragt haben und sie nach dem ersten Lockdown zurückzahlen mussten, was sie in finanziell große Schwierigkeiten gestürzt hat. Aber ich glaube, dass die freie Szene einen enorm wichtigen Stellenwert hat. Da hätte ich mir mehr Solidarität gewünscht vom Staat.

Das Stück “Welcome to Paradise Lost” ist Anfang Juni angelaufen. Wie würden Sie dessen Bezug auf unsere heutige Situation, insbesondere mit Blick auf die Pandemie, beschreiben?
„Welcome to Paradise Lost“ ist ja ein Stück über den Klimawandel, um die Umweltkatastrophen und den menschlich geschaffenen Kollaps der Erde. Was darin auch vorkommt, ist die Einsamkeit der Menschen. Social-Media trägt seinen Teil dazu bei. Diese Einsamkeit können nur andere Menschen auffangen. Es geht, wie gesagt, mehr um den Umweltfaktor, aber das ist ein Kreis, den ich schließen würde. Dass unsere Welt, die so auf ein virtuelles Dasein gelenkt wird, dann doch in einer Pandemie merkt, dass der körperliche Kontakt fehlt und dieser sehr wichtig ist.

Haben Sie den Eindruck, dass Theater auch ein neues, breiteres Publikum anlockt, jetzt wo die pandemiebedingten Einschränkungen aufgehoben bzw. gelockert wurden?
Ich glaube leider nicht. Ich habe das Gefühl, dass versäumt wird, junge Menschen ins Theater zu holen. Und ich glaube, dass viele auch gar nicht wissen, wie bereichernd das sein und was für ein tolles Format Theater darstellen kann. Dass es halt nicht nur reines Sprechtheater ist, wo Leute vor der Bühne stehen und irgendwas vor sich hinlabern in Barock-Kostümen, sondern dass das immer was mit den Menschen zu tun hat und wir immer versuchen, die Menschen da abzuholen, wo sie sind und ihre Gefühle nachvollziehen zu wollen. Das macht Theater aus. Ich hoffe, dass unterschiedliche Menschen ins Theater kommen und wir unseren Spielplan weiter öffnen, damit sich junge Leute auch angesprochen fühlen.

Was macht das Theater für Sie persönlich aus und was macht es besser als Film und Fernsehen?
Ich glaube wirklich der Kontakt zum Publikum und dass man da unmittelbar auf die Leute reagiert. Wir hatten letztens eine Aufführung, wo im Publikum auf eine Situation reagiert wurde: Ein Spruch kam, und wir als Schauspieler haben unmittelbar darauf reagiert. Das war wahnsinnig schön. Oder auch bei „NSU“, dem Projekt, das wir vor zwei Jahren hier gespielt haben, hatten wir danach oft Gespräche mit Leuten, die auch Walter Lübcke kannten. Dieser Diskurs, dieses Gespräch zu finden, dieses Miteinander, Themen und Gefühle zu erleben und zwar in dem Moment: das kann der Film nicht.
Bei einem Film kann ich auf Pause drücken, auf Toilette gehen, mir Chips holen. Das ist im Theater nicht möglich. Ich hatte wirklich ein paar Lebensentscheidungsabende im Theater verbracht, wo ich ein Stück gesehen habe und dachte: Ok, Das muss ich jetzt so und so machen. Beim Film hatte ich das auch bei vielen Regisseuren, aber nicht so krass, wie wenn du die Spucke der Schauspieler im Gesicht hast und den Bühnennebel riechst, das ist eine ganz andere, unmittelbare Erfahrung.

Mit Florian Lutz hat das Staatstheater nun einen Nachfolger für Intendant Thomas Bockelmann bekommen. Wie haben sie die Zusammenarbeit mit Herrn Bockelmann empfunden?
Gut! Ich arbeite auch an seinem letzten Stück hier mit. Es ist „Der Sturm“, Shakespeares letztes Stück, was auch sehr passend ist. Ich finde, dass Thomas ein sehr guter Intendant war, weil er dem Haus wahnsinnig viel ermöglicht hat. Die Stadt abgeholt. Kassel und die Menschen, die in dieser Stadt leben, waren immer ein wichtiger Punkt für das Theater. Ich finde, so sollte ein Intendant sein, dass er für die Stadt und für die Menschen Theater macht. Ich glaube das wird Florian Lutz aber auch so machen. Da bin ich mir sicher.

Was war das schönste Erlebnis Ihrer bisherigen Laufbahn?
Oh Gott, das ist schwierig… An einem der NSU-Abende, gab es einen Moment, nachdem wir die Einspielung von Walter Lübcke gezeigt haben, danach war dunkel. Bei der Premiere war gefühlt fünf Minuten Stille, erst dann haben die Leute applaudiert und dieser Applaus wurde ein Applaus für die Menschlichkeit, gegen den Rassismus, für ein buntes Kassel, für eine liberale Gesellschaft, in der jeder Mensch, egal, woher er kommt, welche Orientierung er hat, einen Platz hat. Das hat mich sehr berührt weil ich das Gefühl hatte, dass das irgendwie was bewegt hat.

Wer ist ihr Vorbild und warum?
Also in der Schauspielschule war das Nicolas Ofczarek, ein österreichischer Burgtheater-Schauspieler. Es gibt so viele. Ich habe immer so jedes halbes Jahr einen Liebling. Gerade gefällt mir Steven Scharf, aus Bochum, sehr gut. Ist ein großartiger Schauspieler.

Haben sie als letztes noch einen Tipp für angehende Schauspieler?
Erstmal viel ins Theater gehen, schauen was die anderen machen. Wenn man dafür brennt, sollte man das unbedingt tun. Und immer neugierig sein.

https://www.staatstheater-kassel.de/