„Wir sind mehr als ein Verlag!“- Interview mit Özge Efendi, Co-Gründerin des Verlags Bli Bla Blub (WS 2020/21)

Foto: Privat

Von Christoph Endter

Özge Efendi (Jg. 1994) hat gemeinsam mit Britta Lützenkirchen den Bli Bla Blub-Verlag in Kassel gegründet. Sie ist zurzeit Doktorandin an der Universität Marburg und Co-Gründerin des CoLab (Community Labor e.V.), ein Verein zur Förderung der Wissenschaftskommunikation. 

Wo hast du deine Co-Gründerin Britta kennengelernt?
Im Rahmen meiner anderen Gründung, dem Community Labor (CoLab), haben wir jemanden gesucht, der für ein Video etwas zeichnet.  Britta hatte ich auf Instagram gesehen und mir gefiel ihr Stil. Sie präsentiert dort ihre Bilder und Porträts und bloggt über Diskriminierung und Rassismus und ich dachte mir, schreib’ sie mal an und frag’ sie, was sie von der Verlagsidee hält. Sie hielt sehr viel davon und ist dann meine Partnerin geworden.

Was macht euch beide kreativ?
Ich war schon immer ein kreativer Mensch! Es gibt da nichts Bestimmtes, Einzigartiges, auf das ich zeigen und sagen könnte, das ist die Basis meiner Kreativität. Als Kind war ich sehr lebhaft, habe gesungen und getanzt. Ich habe es geliebt, mit meinen Freunden und Freundinnen Theater zu spielen. Ich glaube, jeder ist irgendwo kreativ. Man muss das nur ausleben können und zeigen.

Wie ist es eigentlich, zurzeit einen Verlag zu gründen?
Es ist sehr schön, zurzeit einen Verlag zu gründen. Es ist gerade der richtige Zeitpunkt, um über Rassismus und über marginalisierte Gruppen in Kinderbüchern zu reden. Wir bekommen sehr viel Support und Feedback! Die Gründung erfolgt jetzt noch. Der Verlag soll gemeinnützig sein und da gibt es Besonderheiten zu beachten. Gerade läuft alles etwas langsamer, aber das ist auch okay. Denn wir beide machen das nebenberuflich.

Möchtet ihr mit anderen Autoren zusammenarbeiten? Oder macht ihr alles selbst?
Wir möchten vor allem Autorinnen und Autoren nicht weißer Hautfarbe eine Plattform bieten. Das Problem ist ja nicht nur, dass Kinder von marginalisierten Gruppen nicht gezeigt werden, das Problem ist auch, dass Autoren und Autorinnen, die zum Beispiel einen Migrationshintergrund haben und Kinder mit Migrationshintergrund zeigen wollen, nicht verlegt werden.

Der Markt für Kinderbücher ist ein Haifischbecken. Im Jahr 2018 gab es 8000 Neuerscheinungen. Wie wollt ihr Aufmerksamkeit generieren? Was möchtet ihr anders machen?
Das Problem bei den Marktführern ist, dass sie auf die Mehrheitsgesellschaft abzielen. People of Colour, Kinder mit Migrationshintergrund oder Behinderung, werden nur als Nebenfiguren gezeigt. Und wenn sie gezeigt werden, dann wird extrem ihre Herkunft thematisiert.
Es kann kein türkisches Mädchen mit Kopftuch abgebildet werden, ohne dass nicht der Ramadan oder ihre Herkunft thematisiert werden. Es passiert nicht, dass sie einfach ein Abenteuer erleben kann und dass sie nicht darauf angesprochen wird, dass sie aus der Türkei kommt. Das wollen wir ändern! Wir wollen normale Geschichten verlegen, in welcher die Kinder unterschiedlich und ganz bunt sind. Wir wollen, dass diese Kinder nicht nur Nebenfiguren, sondern auch mal die Hauptfiguren sind. Denn in der Realität spielt auch jedes Kind eine Hauptfigur. Wir wollen nah an der Zielgruppe arbeiten und unser erstes Buch soll über Crowdfunding finanziert werden.

Stellt ihr gesellschaftliche Realität über die Fantasie oder versucht ihr beides zu verbinden?
Gute Frage. Wir haben bis jetzt keine Bücher direkt entwickelt. Unsere Idee ist, dass wir ein Buch herausbringen, welches von fünf unterschiedlichen Autorinnen und Illustratorinnen gestaltet wird. Wir wollen die reale Diversität widerspiegeln.

In Märchen können auch Tiere Abenteuer erleben. Zum Beispiel der achtsame Tiger. Mit Achtsamkeit wird eine Geisteshaltung mittransportiert. Möchtet ihr das auch?
Wir möchten die gesellschaftliche Normalität zeigen. Denn die zeigt sich in den Kinderbüchern nicht. Es gibt eine Nachfrage, die der Markt nicht bedient. Wenn wir von der Bevölkerung Deutschlands ausgehen, müsste jedes vierte Buch ein Kind mit nicht weißer Hautfarbe zeigen und jedes fünfte Buch müsste tatsächlich ein Kind mit Behinderung zeigen.

Kassel ist Heimat der Brüder Grimm. Ihr habt bei Unikat, dem Ideenwettbewerb der Uni Kassel, gemeint, Hänsel und Gretel sei von gestern. Was stört euch denn an Hänsel und Gretel?
Tatsächlich stört uns an Hänsel und Gretel nichts. Uns stören Prinzessinnengeschichten, weil sei junge Mädchen in ein Bild rücken, in welchem sie von einem Prinzen gerettet werden müssen. Das sind Frauenbilder und Geschichten, die nicht mehr zeitgemäß sind. Oder wenn das N-Wort in einem Buch steht. Das geht gar nicht.

Wenn du an deine Kindheit denkst und an Märchen aus deiner Kindheit: mit welchen Charakteren hast du dich denn identifiziert?
Das ist eine gute Frage! Wenn ich so zurückdenke, konnte ich mich nie zu 100 Prozent mit einem Märchencharakter identifizieren. Ich wurde groß mit diesen klassischen „Prinzessinnen-Büchern“. Die Prinzessinnen hatten alle blonden Haare und blaue Augen. Ich war immer sehr traurig, dass ich keine blauen Augen habe und nicht blond bin. Ich habe zwar „Prinzessinnen-Bücher“ gelesen, doch ich war auch sehr oft draußen und habe mit Jungs Fußball gespielt. Da gab es jetzt auch keine Kinderbuchfigur, die Entdeckerin war, Fußball gespielt hat und einen draufgemacht hat. Das hat mir gefehlt.

Meine Assoziation bei Bli Bla Blub war mehr Bla Bla und Blubbern. Der Name hat etwas Irritierendes. Braucht die Welt diesen Verlag?
Natürlich! Die Welt braucht unbedingt diesen Verlag. Die Forderung, dass Kinderbücher mehr Diversität zeigen sollten gibt es seit Jahren! England ist da viel weiter als Deutschland. Da werden Bücher in der Größenordnung verlegt, die ähnlich groß ist wie der Migrantenanteil in England.
Der Name soll irritieren! Er sagt, dass alles egal ist. Ob man schwarz, weiß, Autist oder Autistin ist. Alles ist Bli Bla Blub.

Vielen Dank für deine Zeit!