“Wir wollen nicht Faktenwissen transportieren, sondern Geschichten von Menschen erzählen”
Bernd Tappenbeck von ViKoNauten e.V. im Gespräch (WS 2020/21)

Bernd Tappenbeck. Foto: ViKoNauten e. V.

Von Lilly Plitzko

Bernd Tappenbeck (Jg. 1970) ist Vorstandsmitglied des Vereins ViKoNauten in Kassel, der vor allem unterirdische Führungen durch Bunker aus dem zweiten Weltkrieg anbietet. Im Interview wird uns Herr Tappenbeck mehr erzählen und erläutern, warum seine Arbeit so wichtig ist.

Wie kann man sich den Aufgabenbereich der ViKoNauten vorstellen?
Wir beschäftigen uns mit den Off-Orten in der Stadt Kassel. Also wir sind überall da unterwegs, wo man eigentlich gar keinen Zutritt hat. Das sind generell spannende Orte, die etwas abseitig gelegen sowie der normalen Wahrnehmung entzogen sind und in die manchmal jahrzehntelang niemand mehr einen Fuß gesetzt hat. Das ist natürlich eine hochspannende Angelegenheit. Der Blick geht ganz oft unter die Oberfläche, also ist unser Fachgebiet quasi alles Unterirdische. Wir versuchen authentische Orte zu finden, um an deren Geschichtshaftigkeit anzuknüpfen.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am besten?
Es ist die Kombination aus historischer Wissensvermittlung und politischer Bildung. Zudem geht es uns nicht nur darum, die Tür aufzumachen und interessante Geschichten zu erzählen, sondern durch inszenatorische Interventionen die Geschichten der Orte stärker hervortreten zu lassen. Zum Beispiel haben wir einmal in einem alten Felsenkeller, wo früher Bier und Eis gelagert wurde, einen Eiskünstler eingeladen, der mit Eisskulpturen gearbeitet hat. Manchmal machen wir aber auch komplett andere Fenster auf. Wir haben mal im Nordturm der Martinskirche, in dem wir oft unterwegs sind, einen riesigen ferngesteuerten Hai schwimmen lassen. Jeder geht mit gewissen Erwartungen auf Dinge zu und manchmal ist es erfrischend, ganz bewusst diese Erwartungen zu brechen und genau das Gegenteil zu machen. Damit wollen wir versuchen, diese Orte und ihre Geschichten nicht einfach in der Vergangenheit stehenzulassen, sondern wir wollen sie ins Heute mitnehmen. Wir wollen ein Teil dieser Geschichte sein und sie in die Zukunft weiterentwickeln. Dieser Punkt begeistert mich sehr.

Also geht es sowohl um historische Wissensvermittlung als auch um Unterhaltung?
Als Kulturschaffender hört man das Wort „Unterhaltung“ im Zusammenhang mit unserer Arbeit eher ungern (lacht). Uns geht es nicht darum, trockene Sachinformationen schmackhafter zu machen, sondern, im Gegenteil, dass wir diese Inszenierungen bewusst in unseren Konzepten der Vermittlung einsetzen. Was wir letztendlich transportieren wollen, ist nicht Faktenwissen, sondern wir wollen Geschichten von Menschen erzählen. Das ist auch der Slogan, unter dem wir antreten: „Geschichte- Geschichten hautnah“. Es geht um Geschichten von Menschen an Orten, in anderen Zeiten, die anders gelebt, gedacht, gehofft und gebangt haben. Deswegen ist es auch so, dass sich unsere Tour-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen ziemlich bunt zusammensetzen. Da sind auf der einen Seite viele junge Leute, die das natürlich spektakulär und cool finden, an solchen Orten zu sein und die den Unterhaltungsmoment, das Abenteuer, besonders zu schätzen wissen. Auf der anderen Seite haben wir auch ein deutlich älteres Bildungsbürgerpublikum, das geschichtliche Informationen zu schätzen weiß. Wir versuchen beides zusammen zu bringen und durch diese Kombination die Geschichte lebendig zu machen.

Sie haben in einem früheren Interview erwähnt, dass Ihre Mutter während des Krieges auch im Bunker war. Glauben Sie, dass Sie dadurch bei Ihrer Berufswahl beeinflusst wurden?
Meine Eltern wurden beide im Krieg geboren. Da ist die Analogie naheliegend, dass das ein Motiv für die Berufswahl ist, wenn die Mutter sagt, dass sie als Baby bei Luftalarm im Bunker war. Bei mir ist es so, dass ich meine Aufgabe darin sehe, die Erfahrung der Vergangenheit auch in etwas Zukunftsfähiges zu wandeln – dieses Trauma in irgendeiner Weise zu verarbeiten bzw. zu transformieren in etwas, das uns eine Botschaft aus der Vergangenheit auslesen lässt und das uns in eine andere, vor allem friedfertigere, Zukunft führen kann. Wir machen das tatsächlich wegen heute und wegen morgen.

Gab es ein prägendes Erlebnis bei einer Ihrer Führungen, an der ein Zeitzeuge oder eine Zeitzeugin teilgenommen und eine persönliche Geschichte erzählt hat?
Ich erinnere mich an eine Frau im Viktoriabunker, die in der sogenannten Bombennacht am 22.10.1943 genau an diesem Ort war und ihre Erlebnisse geschildert hat. Sie war seitdem nicht mehr dort und musste sich erst einmal orientieren, bis sie dann ihren alten Platz gefunden hat, auf dem sie damals saß. Das war für sie, genauso wie für uns, ein sehr bewegender Moment. Durch die Begegnung mit dem Ort hat sie die Hoffnung gehabt, dass sich ein Kreis schließt und dass sie Frieden finden kann. Leider kommen uns diese Zeitzeugen und Zeitzeuginnen immer mehr abhanden, da sie einfach in einem entsprechenden Alter sind.

Wie sehr sind die ViKoNauten von der Corona-Pandemie betroffen?
Unsere Haupteinnahmequelle, die Touren, ist auf null gefahren und wir leben gerade nur von Spendenaktionen sowie Unterstützung der Stadt Kassel. Wir sind trotzdem optimistisch, dass wir diese Zeit überstehen können, auch wenn es nicht einfach ist. Wir haben viele neue Projekte geplant, die wir so bald wie möglich nach der Pandemie umsetzen wollen. Zurzeit arbeiten wir an digitalen Führungsformaten, bei welchen es in Bunkern bzw. unterirdisch ganz eigene technische Hürden gibt. Es bleibt auf jeden Fall weiterhin eine schwierige Zeit, die uns bestimmt noch bis ins Frühjahr 2022 betrifft. Aber, um ein Wortspiel aus den Touren zu benutzen, es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels.

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